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Eva Blimlingers Stickerei

Nun mag man zur Stickerei eine durchaus zwiespältige Haltung einnehmen. So wenig scheint diese beschauliche Geduldsarbeit zu einem gegenwärtigen Alltag passen, der keine Zeiträume mehr läßt. Leere Stunden erscheinen als geradezu bedrohlich, sollten sie sich doch einmal auftun. So, als würde man das eigene Leben nicht mehr im Griff haben und müßte sich plötzlich beim Existieren zuschauen, den Alltag reflektieren, dabei noch in Muße mit Nadel und Faden hantierend.

Derart intensives Gesticke wird schnell assoziiert mit einer weiblichen Existenz, deren Freiräume durch das vom Gatten zugesprochene „Nadelgeld“ definiert war (und ist). Es läßt sich schnell in Verbindung mit einem Leben bringen, das außerhalb bürgerlicher Konventionen gar nicht zu denken war. Stich für Stich bewegten sich Mädchen lange Zeit hindurch unweigerlich auf eine solche Existenz zu, wenn sie nicht gar gezwungen waren, davon ihren Lebensunterhalt bestreiten zu müssen.

Die idyllischen Szenerien, die sich in den gestickten Bildern punktweise zusammenfügen, lassen sich jedoch aus als Spuren jener aufgeklärten Zeit lesen, als Möglichkeiten des Nichtstuns und Zeitvertreibs auch als eine durchaus produktive Muse angesehen wurden. So wurden Handarbeiten zu ästhetischen Verrichtungen der Zeitverkürzung, die auch zu einem sinnvollen Ergebnis führten.

Doch die sammelnde Historikerin mag eine weitere historische Pointe in diesen Produkten ästhetischen Fleisses auch darin sehen, daß Petit Point Stickerei nach wie vor als ein typisch wienerisches Souvenir angeboten wird. Jedes Wien-Klischee scheint mit handgemachten Nettigkeiten erfüllt. Die Tradition von Petit Point paßt zu Mehlspeisen, kandierten Veilchen, Fiakern und anderen Süßlichkeiten. Biedermeierliches scheint hier festgehalten und ewig erinnert.

Petit Point war seit jeher Gegenstand weiblicher Sammlungen und Expertise. Fast scheint es ein textiles Objekt zu sein, das nach wie vor weibliche Domäne geblieben ist. Eva Blimlinger legt großen Wert darauf, keine teuren Objekte für ihre Sammlung zu erwerben. Es geht nicht um das kostbare Einzelstück sondern darum zu dokumentieren, daß Petit Points jeden banalen Alltagsgegenstand verewigen können. Wer würde schon ein leeres Feuerzeug oder auch eine Puderdose einfach entsorgen wollen, die mit solch aufwendiger Handarbeit überzogen sind. Eine Handtasche mit Petit Point Stickerei übersteht jede modische Unruhe und wird zum Erbstück. So bestickt werden wird jedes anonyme Konsumprodukt verhäuslicht und damit gewissermaßen unzerstörbar und geschichtswürdig.

Eva Blimlinger zieht diese Objekte an Land und sie werden in ihrer Sammlung zu Erinnerungsstücken, die auch in späteren Exemplaren immer noch die Spuren des Zeitvertreibs einer Gesellschaft des 18. Jahrhunderts aufweisen. Doch lassen sie zugleich an die Salonkultur des Biedermeiers und bürgerliche Konventionen des späteren 19. und frühen 20. Jahrhunderts denken. Nicht zuletzt sind die bestickten Gegenstände aus dieser Sammlung keine Massenprodukte, sondern scheinen durch ihre handgemachte Verzierung der Vergänglichkeit des Konsums entzogen. Und doch bleibt ein melancholisches Gefühl zurück.

Soviel Mühe steckt in diesen Handarbeiten, eine kleine oder größere Geschichte mag jedes Objekt der Sammlung erzählen und doch verschwindet das Mädchen, die Frau, die hier einmal viele kleine Punkte zu einem Bild zusammengefügt hat, letztlich hinter der Konvention der Muster und Motive.