Kiew, ich und mein Tatortkommissar

In Kiew erzählte mir eine Studentin von ihrer Mutter, die wieder zurückgezogen sei, in die zuvor aus Kriegsgründen verlassene Wohnung in der Ostukraine. Geschossen werde dort noch immer, meinte sie: Es sterben Soldaten und Zivilisten, es gibt zu wenig zu essen, die alte Währung existiert nicht mehr, zu welchem Staat man gehört, weiß keiner. Ihre Mutter konnte den Ort, wo sie immer gelebt hatte, dennoch nicht hinter sich lassen. Seither wächst die alte Frau über sich hinaus. Sie lache mehr als früher, verstecke sich weniger, denke politischer und mache plötzlich Yoga. Wenn sie mit der Tochter in Kiew telefoniert, fallen manchmal Schüsse im Hintergrund. Aber so sei das Leben. Wir, in der Ukraine, sind es gewohnt, zu improvisieren! Die Erzählung der Studentin hat mich daran erinnert, wie vergesslich ich bin. Wie lange ist es her, dass ich den Krieg in der Ukraine am Schirm hatte? Wie viele Kriege sind seither über meinen Wohlstandsbildschirm geflimmert? Wie viel an Unrecht, Not und Verbrechen dränge ich erneut an die Ränder meiner Wahrnehmung, weil etwas anderes mich akut befällt. Aufmerksamkeit ist steuerbar. Angst ebenfalls. Und auch die Relationen meiner Weltbewertung. Ich stehe (zurück in Wien) mulmigen Gefühls vor halb leergekauften Regalen im Supermarkt und zeitgleich deutet viel auf eine humanitäre Katastrophe an den Grenzen Europas hin. Bomben fallen auf Syrien. Menschen drängen sich eng an Zäune. Gewalt wird eingesetzt. Menschenrecht abgeschafft. Hass geschürt. Regenwald vernichtet. Inselgruppen versinken. Erdteile hungern. Schüsse fallen. Und ich mache mir Sorgen, ob ich in den Zug steigen soll, weil irgendwo irgendwer mit einer Krankheit wartet, die immer irgendwen umbringen könnte. Wie geht das alles zusammen? Wer versteht das alles noch? So hat es mein verzweifelter Kommissar formuliert, an meinem sonntäglichen Tatort-Fernsehabend. Er wollte es nicht mehr sehen, das Unrecht überall, Lügen, Schmerz, so stoppte er sein Auto. Ich stoppte mit ihm. Das tat gut. Nicht das Wegsehen, sondern das Verschieben der Relationen. Es muss nicht alles zusammengehen. Man kann das Lose und Brüchige und Unsichere als gegeben erkennen. Über sich hinauswachsen, Mutigeres denken, Überraschendes wagen. Keine aufgeräumte Schublade ist sie, die Welt: sie bleibt (ich hatte es wieder mal verdrängt) beständiges Provisorium. Oder eben Verantwortung, nach kurzem Durchatmen umzukehren, wie es auch mein Kommissar letztlich tat, zum Ort der Tatsachen, so unverständlich sie uns auch erscheinen mögen. Was bedroht unsere Fundamente: ein Virus oder unsere Untätigkeit? Achten wir auf die Fakten!

Thomas Arzt, POST VOM ARZT, N° 1/2020