Ewig Frieden!

Diese Geschichte ist nur zum Teil Fiktion.
Tatsächlich werden in den neuen asymmetrischen Kriegen, wie zum Beispiel Russland sie in der Ukraine, in Georgien und Armenien führt, die Grenzen zwischen Söldnern, Milizen und nationalen Armeen so unscharf, dass die Urheber der Kriege nicht mehr nachzuweisen sind. Diese neuen Kriege werden nicht mehr erklärt und finden ohne Fahnen statt, meist ohne die Unterstützung und Akzeptanz der Zivilbevölkerung. Im Gegenteil, der Konflikt wird als Bürgerkrieg deklariert, oft auch manipuliert. Diese Lüge hat System und ist beabsichtigt. Der verdeckte Angreifer kann seine Verantwortung vor der Staatengemeinschaft und der Presse negieren und haftet nicht für seine Opfer. Die Destabilisierung einer Gesellschaft oder eines Nachbarstaates ist das Ziel. Die Soldaten - in diesem Fall russische Soldaten im Donbass - werden vom Kriegsherrn, dem sie dienen, verleugnet, sie kämpfen ohne Abzeichen an der Uniform, und wenn sie fallen, kehren sie als Cargo200 (Särge in Cargokisten mit dem Gesamtgewicht von 200 kg) zurück, wo sie offiziell nicht als Gefallene betrauert werden dürfen. Sie sind nun niemand mehr. Nicht tot, nicht lebendig. Gefallen in einem Krieg, den es nicht gibt.
Die Autorin fand den Stoff in einer Zeitungsnachricht. Eine Journalistin hatte sich für das annoncierte Begräbnis eines in der Ukraine gefallenen russischen Soldaten interessiert und mit der Witwe deswegen Kontakt aufgenommen.
Doch am folgenden Tag wurde die Beisetzung überraschend wieder abgesagt. Die Witwe erklärte, es sei alles ein Irrtum gewesen, ihr Mann sei gar nicht gestorben. Das musste sie tun, um die staatliche Entschädigung bzw das Schweigegeld nicht zu verlieren, denn Russland befindet sich offiziell eben nicht im Krieg mit der Ukraine.
In Österreich hat man sich an den Frieden gewöhnt. So sehr, dass fast in Vergessenheit gerät, wie glücklich die wenigen Generationen sind, die Krieg nur aus der Zeitung kennen. In der derzeitigen Verschärfung des Tonfalls innerhalb von Staaten, aber auch der Kriegsrhetorik zwischen den alten Lagern der Weltpolitik, wird mit Blick auf kleine innenpolitische Siege wieder gerne gezündelt und leichtsinnig die Nationalismuskeule geschwungen. Sodass die Grenzen plötzlich wieder aufgerüstet werden und der eingeschlafene kalte Krieg erneut seine eisige Explosionsgefahr entwickelt.
Doch man sollte nicht vergessen, dass Krieg in Wahrheit der Normalzustand der Menschheit ist, Frieden hingegen eine stetige Anstrengung und Bereitschaft benötigt, auf Feindbilder zu verzichten, Neid und Schuldzuweisungen nicht nachzugeben, an Abrüstung zu arbeiten und die Nachbarn nicht als potentielle Feinde zu betrachten. Frieden ist Selbstbeherrschung.
In einer globalisierten Welt, von der vor allem der sogenannte Westen - und wir in Europa - profitiert, muss auch die Verantwortung global werden. Auch der Heimatbegriff muss sich mit den Zeitläufen ändern - es gibt keinen Weg zurück zum alten autonomen Nationalstaat, so gerne die Angstgetriebenen sich auf ein falsch erinnertes Gestern berufen. Staaten sind Produkte des Krieges - entstanden aus intern befriedeten Fürstentümern in nach aussen gerichteter Wehrhaftigkeit gegen den Nachbarn. Europa hat sehr viel schmerzliche Erfahrung damit, die es in anderen unruhigen Regionen einbringen könnte. Doch Europa muss auch an seinen eigenen Fronten Frieden schaffen. Zum Beispiel Verantwortung übernehmen für die namenlosen Toten, die vor Kriegen und Konflikten geflüchtet, an den Küsten Europas unbekannt und unbetrauert sterben.
Seit Antigone hat sich nichts geändert. Die Toten müssen begraben werden. Dabei geht es nicht um den Akt des Bedeckens, sondern den des Gedenkens. In Kriegen, in Diktaturen, zwischen den Grenzen wird unliebsamen Toten Tod und Gedenken verweigert. Die Schuld soll verschwiegen werden. Krieg, Diktatur und Verfolgung leben vom Schweigen. Nur durch das Wahrnehmen, Benennen und Betrauern können sie beendet und letztlich auch einmal verziehen werden.

Kristine Tornquist, Sommer 2020