Ewiger Frieden

Ein viral verbreiteter Cartoon zeigt einen Redner, der die Menge vor ihm fragt: Who wants change? Alle zeigen begeistert auf. Dann fragt der Redner: Who wants to change? Alle blicken betreten zu Boden und die Menge zerstreut sich.
Die Welt zu verbessern bedeutet immer, bei sich selbst zu beginnen, das Wohl aller über die eigene Bequemlichkeit zu stellen. Würden alle der Maxime "Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest" folgen, dann wären alle brennenden Probleme der Menschheit lösbar. Verhalten wir uns weiterhin wie die Menge in dem Cartoon, bleibt es aber Utopie.
"You may say, I'm a dreamer, but I'm not the only one", sang einst John Lennon. Ich wünsche mir, dass wir alle zu TräumerInnen, UtopistInnen und IdealistInnen werden, denn nur so kann uns die Verbesserung der Welt gelingen.

Als ich das Libretto "Ewiger Frieden" mit der Frage, ob ich etwas damit anfangen kann, zugeschickt bekam, war ich sofort begeistert, denn alles daran entsprach genau dem, was ich mir immer schon von einem Operntext gewünscht habe: ineinander verwobene absurde Komik und Tragik, etwas Politik und vor allem ein Sprachrhythmus, der auch eine ariose Vertonung zulässt, ohne dass man das "überhöhte Sprechen" je verlassen muss. Besonders Letzteres war mir sehr wichtig, weil ich möchte, dass das Publikum den Text in jeder Sekunde verstehen kann.
Ich finde es wichtig, als Komponist die Geschichte mitzuerzählen, zu verdeutlichen, vielleicht manchmal den Text zu konterkarieren, jedenfalls immer das Publikum mitzunehmen. Dafür braucht es musikalische Bilder, die die Emotion unterstreichen, die Assoziationen in die richtige Richtung lenken, Spannungsbögen schaffen und die musikalische Form ebenso geschlossen darstellen, wie es der Text für sich genommen auch macht. Zum Beispiel habe ich auf den Schauplatz der Geschichte - Russland - auf verschiedene Weise Bezug genommen: im Klangkolorit, u.a. durch das in Russland sehr beliebte Akkordeon (Bayan), durch Anspielungen auf russische Tanzformen, durch musikalische Zitate*), und auch durch genaues Studium der Sprachmelodie des russischen Präsidenten (ich habe sogar vorbereitend eine ganze Rede in Noten transkribiert, um ein Gefühl dafür zu bekommen).

*) mehr oder weniger versteckt zitiert werden u.a. die russische Nationalhymne, "Moskovskiye okna" (ein Lieblingslied Wladimir Putins), "Suliko" (Lieblingslied Josef Stalins).

Alexander Wagendristel, Sommer 2020