Amerika oder die Infektion – eine anarchische Operette

Gleich beim ersten Lesen des sehr inspirierenden Librettos war für mich die musikalische Umsetzung klar: keine schwere und Pathos geladene Oper, ein profaner, virtuoser und im positivsten Sinne ironischer Text bot mir hier die Möglichkeit, den festgefahrenen Begriff der „Operette“ in einer zeitgemäßen und aktuellen Form neu zu denken.
Die Herausforderung bestand in der Umsetzung einer postmodernen Deutung der Operette, frei von Musical-Kitsch oder oberflächlicher Sentimentalität – der Mesalliance des „Leichten“ mit der radikalen Umdeutungen des gefundenen Alltagslärms aus Popkultur und Massenmedien - der thematische Titel „Amerika“ als Symbol für genau jenes, Liberalisierung und Infantilisierung, Sitcom und Seifenoper.
Schrill, bunt, rasant, anarchisch und exzessiv, ein Klangbild entwickelt aus dem Polkabeat von Johann Strauss und dem Cancan von Jacques Offenbach, dem Bigbandtusch von TV Game Shows, zwischen aufmerksamkeitsheischenden Werbefanfaren und Emotionalisierungen auf Knopfdruck, das alles mit dem Ziel, die Operette aus ihrer Komfortzone zu katapultieren.

Und noch zum größeren, hehren Ziel: Wie lässt sich die Welt am besten verbessern? Lässt sich dies mit neuen Operettenklängen erreichen? Ja, warum nicht. Nicht die unverzügliche, vollständige und schier unmögliche Verbesserung aller Bereiche der Welt, sondern die zahlreichen kleinen, individuellen und persönlichen Verbesserungen in unserer Nähe – das könnte die Lösung sein im postmodernen Zeitalter, nach dem Ende der großen Erzählungen. Und wenn wir mit unserer Darbietung auch nur lediglich einer Person einen erfreulichen Abend bereiten, ist das immerhin auch schon ein Stück verbesserte Welt.

Matthias Kranebitter, Sommer 2020