Der Standard, 09.10.2020, Ljubiša Tošić

Aus der Jukebox der Ängste

"Der Fremde", einer Oper von Gerhard E. Winkler, beim Sirene-Festival "Die Verbesserung der Welt"

Die nunmehr vierte Uraufführung des Sirene-Opernfestivals "Die Verbesserung der Welt" führt zu einem Häuschen im alpinen Irgendwo. Tanzend umkreisen Jäger und Gemahlin in Der Fremde das Hüttchen, in dem Vater, Mutter, Sohn und die blinde Tochter in moralische Unruhe versetzt werden.
Der Besuch des Hilfe suchenden Gharib stürzt den Haushalt in ein Dilemma zwischen Barmherzigkeit und Befolgung strenger Fremdengesetze, die dem sich in populistische Parolen hineinsteigernden Sohn (Bernd Fröhlich) zur Obsession werden. Die Regie von Kristine Tornquist betont die latente Empathielosigkeit gegenüber dem Neuankömmling durch puppenhafte Gestaltung der Figuren. Nur die Tochter (Johanna Krokovay) und der Flüchtling (Johannes Schwendinger) tragen menschliche Züge. Der zunächst mildtätige Vater (John Sweeney) ist jedoch von starrer Wankelmütigkeit.
Und die Mutter (Romana Amerling) wendet sich in barbieartiger Manier nach anfänglicher Sympathie gegen den Eindringling. Zum Nachteil wird allerdings, dass die Figuren von klischeehaften Phrasen zusammengehalten werden, zu Lautsprechern jener Stereotype geraten, die längst grässlich alltäglich sind (Text: Martin Horváth). So bleibt das Ganze eher eindimensional.
Vielschichtigkeit ist vor allem in der Musik zu finden, die das Ensemble Phace (Dirigent François-Pierre Descamps) delikat umsetzt: Der Vater kling wie Zauberflöten-Sarastro, die Mutter ergeht sich in belkantistischen Koloraturen. Komponist Gerhard E. Winkler versteht es jedoch auch, die Atmosphäre der Angst durch freitonale, perkussive Strukturen auszudrücken.
Die Musik animiert zwar, sich einem Ratespiel hinzugeben, etwa Tango, Bach, frühen Jazz und Songs wie Ain’t Misbehavin’ oder Over the Rainbow zu entdecken. Die Musik ist jedoch keine in Partitur gesetzte Jukebox der Musikgeschichte. Sie ist eine dichte, dramaturgisch raffinierte, stilreiche Arbeit, die über das allzu Selbstverständliche des Librettos hinwegträgt – bis zum Schluss.
Da stimmt Gharib eine Weise an, die Winkler auf Basis einer arabischen Tonleiter (Maqam) schrieb. Es ertönt die Melancholie eines Wanderers ins Ungewisse – als eindringlichste Episode des Stücks.

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