Drehpunkt Kultur, Salzburger Kulturzeitung, 01.01.2021, Reinhard Kriechbaum

Aus Musiktheater wurde eine Film-Oper

„Ihr macht ja den Mund nicht auf … ihr habt Euch abgefunden ...“ Eine Familie im bedrückenden Milieu der DDR. Sohn Gustav schwingt eine Fahne, auf die er das Wort Freiheit geschrieben hat. Das geht schlecht aus für Gustav. Er wird denunziert (die in der kleinen, armselig eingerichteten Wohnung lebende Tante spielt eine Rolle). Im Gefängnis wird der gefoltert, kommt schließlich in die Krankenstation. Dort wendet sich sein Schicksal auf ganz unerwartete Weise, denn die empathische Krankenschwester Pauline tauscht Gustavs Krankenakte mit jenen eines Verstorbenen. So sorgt sie dafür, dass Gustav unter falschem Namen freikommt und ihm sogar die Flucht in den Westen möglich wird.
Die Verwechslung hätte eine Oper werden sollen. Die Uraufführung war beim Festival Wien modern im November 2020 geplant. Dazu ist es nicht gekommen, aber die Produzenten – Kristine Tornquist und Jury Everhartz vom freien sirene Operntheater – haben einen Film daraus gemacht.
Komponist des Stücks ist der 1967 in Bludenz geborene Thomas Cornelius Desi, der Text stammt von Helga Utz. Am Pult des oenm steht Francois-Pierre Descamps. Die Verwechslung ist Teil einer sieben Kammeropern umfassenden Serie von Auftragswerken zum Stichwort Barmherzigkeit. „Eines Morgens nach der, wie meist frustrierenden, Zeitungslektüre, dachten wir uns: Vielleicht ist die Welt gar nicht so, wie sie aus den Medien quillt? Unsere eigenen Erlebnisse sind ganz andere: das kleine Glück der Nachbarschaft, die freundliche Geste in der Straßenbahn, das höfliche Wort im Supermarkt...“ So der sirene-Operntheater-Impresario Jury Everhartz in einem Interview. Die Verwechslung wäre Abschluss dieses Projekts von Auftragswerken geworden, in dessen Rahmen auch Der Fremde, ein Werk von dem Salzburger Komponisten Gerhard E. Winkler aufgeführt wurde.
Ein sehr optimistisches Unternehmen jedenfalls, nicht nur weil freie Opern-Initiativen sowieso einen schweren Stand haben, nicht nur unter Rahmenbedingungen wie sie jetzt herrschen. Deshalb also die zum Opernfilm mutierte Kammeroper Die Verwechslung als ein Lichtblick ins neue Jahr hinein...

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