mica - music austria, 11.08.2020, Christoph Benkeser und Michael Franz Woels im Interview mit Kristine Tornquist und Jury Everhartz

Vielleicht ist die Welt gar nicht so, wie sie aus den Medien quillt?
Das SIRENE OPERNTHEATER von KRISTINE TORNQUIST und JURY EVERHARTZ bringt sieben Kammeropern zur Aktualität der Barmherzigkeit in das F23 Kulturzentrum nach Atzgersdorf. Das Festival „Die Verbesserung der Welt“ drückt mit den Uraufführungen tugendhaft den Willen zu einer Wirklichkeit aus, einer imaginär-wertigen Welt wie sie sein sollte – oder könnte. Neben den Opern ergänzen eine Ausstellungs- und die Gesprächsreihe „Kein Erbarmen!“ die programmatische Ausrichtung gegen eine ethische Verwahrlosung des Diskurses – und für eine kollektive Moral der Vernunft. Wie man den altmodischen Begriff der Tugend heute künstlerisch umdeuten kann, warum ein Festival mit Überforderung einhergeht und wieso sich das F23 zur Weltraumstation verwandeln wird, haben KRISTINE TORNQUIST und JURY EVERHARTZ nach einem Probentag in der Alten Wäscherei am Steinhof Michael Franz Woels und Christoph Benkeser erzählt.

Wie kommt man auf die Idee, ein mehrmonatiges Festival mit sieben Kammeropern unter dem Thema der Barmherzigkeit aufführen zu wollen?

Jury Everhartz: Wir haben in den letzten Jahren mit „Das Totenschiff“ und „Jeanne und Gilles“ tragische und hochdramatische Werke uraufgeführt. Jetzt haben wir überlegt, ob es so etwas wie eine politische Komödie geben könne. Eines Morgens nach der, wie meist frustrierenden, Zeitungslektüre, dachten wir uns: „Vielleicht ist die Welt gar nicht so, wie sie aus den Medien quillt?“ Unsere eigenen Erlebnisse sind ganz andere: das kleine Glück der Nachbarschaft, die freundliche Geste in der Straßenbahn, das höfliche Wort im Supermarkt. All das gibt es auch, aber niemand spricht darüber. Dabei täte das auch dem allgemeinen Diskurs gut. Wir wollten jedenfalls etwas Versöhnliches und Gutes erzählen. Den utopischen Horizont zu beschreiben hat eine politische Dimension und das heißt durchaus auch, ihn einzufordern und nicht einfach wegzuschauen.

Kristine Tornquist: Lustig war, dass wir uns sieben Werke über Barmherzigkeit vorgenommen haben und das Wort gleich am nächsten Tag schon wieder loswerden wollten. Schließlich hatten wir das Hochdramatische satt – aber dann war es zu spät. Wir wollten diesmal optimistische, fröhliche, witzige Stücke – sieben Komödien, die sich dem Thema auf eine charmante Art nähern. Aber wenn man Aufträge erteilt, weiß man nie, was passieren wird. Das macht es spannend, es ist ein Risiko und Abenteuer. Wir haben die Aufträge an vier Autoren und drei Autorinnen erteilt. Darunter sind nun witzige und positive Stücke, aber dann doch auch düstere.

Jury Everhartz: Ein Festival ist wie ein Jahrmarkt. Die Kunst heute ist vor allem eines: vielseitig. Formell kann man ja fragen: Was ist Neue Musik? Das Format ist schon deshalb gut um zu sehen, wie vielfältig die Zugänge zu Neuer Musik geworden sind. Unsere Opern zeigen ein sehr breites Spektrum von dem, was neue Musik und dann Musiktheater alles sein können. Wir wollen keine Parteienstellungen, sondern diese vielen verschiedenen Denkansätze miteinander ins Gespräch bringen.

Das Wort „Barmherzigkeit“ hat eine sehr lange Bedeutungsgeschichte. In welchen Kontext wollt ihr es stellen?

Jury Everhartz: Das Wort ist nicht mehr Teil der Alltagssprache. Es adelt jedenfalls den Geber, den aktiven Part, dem es im gelingenden Fall einen souveränen und überzeugenden Charakter verleiht. Man könnte denken, dass der, der es mit anderen gut meint, es auch mit sich selbst gut meint. Das ist der Gegenentwurf zum homo oeconomicus, dem immer etwas fehlen wird, wenn er nur auf seinen Vorteil bedacht ist. Aber es liegt wie immer natürlich auch eine Gefahr darin. Der Geber kann sich ja auch über das Gesetz stellen und sozusagen im Wortsinn „Gnade vor Recht“ ergehen lassen. In diesem Sinne waren wir froh, dass Sven Hartberger seine Gesprächsreihe, die eng an dem eigentlichen Thema dran ist, „Kein Erbarmen!“ genannt hat. Er wollte es nicht konterkarieren, sondern hat es politisch gelesen. Wir brauchen keine Barmherzigkeit mehr, schließlich leben wir nicht mehr im Feudalismus. Wie können wir eine vernünftige Gesellschaft auf eine demokratische Art strukturieren? Wir verfolgen zwei Richtungen: wir wollen davon erzählen, dass der arm ist, der nichts mehr zu verschenken hat. Aber wir wollen auch über Gerechtigkeit nachdenken. Dass es Armut gibt, ist jedenfalls ein gesellschaftlicher Skandal, nicht die Schuld des Einzelnen. Was sind die Bedingungen der Armut? Auch darauf verweist der Begriff der Barmherzigkeit.

Der Rahmen des Festivals sorgt für die Bedingungen …

Jury Everhartz: Was dich in der Kunst beschränkt, macht dich kreativ. Wie die Oper überhaupt hat ein Festival noch mehr von Anfang an mit Herausforderung oder sogar Überforderung zu tun. Sowohl für das Publikum als auch für alle, die daran mitwirken. 2009 haben wir den Roman „Nachts unter der steinernen Brücke“ von Leo Perutz vertonen lassen. Ein Riesenprojekt: man konnte neun, für sich selbständige Stücke daraus machen, die alle zusammen eine große Erzählung ergaben. Dieses Format hat sich für uns bewährt.  

Kristine Tornquist: Wir waren die ersten, die damals in der ehemaligen Ankerbrot-Fabrik spielen konnten. Einige Leute von uns haben am Schluss dort gewohnt. Im F23 wird alles professioneller sein. Wir haben mehr Zeit.

Das klingt abenteuerlich …

Kristine Tornquist: Damals waren wir sogar noch mutiger: 2009 haben wir jede immerhin abendfüllende Oper nur drei Tage lang szenisch geprobt. Dann kam das Orchester dazu. Am fünften Tag war die Premiere. Das klingt nach reinem Stress, tatsächlich war es aber befreiend und euphorisierend, alle Beteiligten sind in einen Rausch geraten. Am Schluss dachten wir nur: Wo ist die zehnte Oper, wie geht es weiter?

Stichwort Überforderung: Man staunt nicht schlecht, wenn man sich das Programm zu „Die Verbesserung der Welt“ ansieht, zur Kammeropernreihe hat sich auch eine Ausstellungsreihe und eine Gesprächsreihe dazugesellt.

Jury Everhartz: Wir schaffen so etwas wie einen Planeten. Das F23 ist nicht im Stadtzentrum. Wenn man schon zum Sirius fährt, braucht man auch eine Weltraumstation. Wir haben die Opernreihe geplant und konzipiert. Mit der Akademie für Gemeinwohl haben wir einen guten Partner gefunden, um über strukturelle Fragen nachzudenken und darüber zu sprechen, was die Bedingungen des Guten sind. Mit den Opern geben wir Beispiele dafür. Der Kunstverein art23 ist im F23 mehr oder weniger schon beheimatet. Ihnen ist nicht entgangen, dass sich da einiges zusammenbraut, und da wollten sie mitmachen. Die Maler haben alle Libretti der Stücke gelesen, die wir zeigen werden und sich gleich darangesetzt, diese Ideen auch in Bildform zu bringen. Das finde ich sehr berührend. Jedenfalls kann man nicht ganz falsch liegen, wenn so etwas passiert.

Interessant ist das Sujet des Festivals. Man sieht einen Kopf aus Bienenwaben, daneben flattert ein Schmetterling. Welche Idee steckt hinter dieser Fotocollage?

Kristine Tornquist: Die Honigbiene ist ein wunderbares Symbol für das produktive und fleißige Arbeiten an der „Verbesserung der Welt“. Oder wie Beyoncé über ihr Album „Lemonade“ gesagt hat: „When life gives you lemons, make lemonade“. Die Welt lässt sich auf viele Arten verbessern. Die Biene steht für den Drang, etwas zu tun, die Welt aktiv zu verändern. Aber es geht auch anders – nämlich durch Nicht-Tun. Der Schmetterling ist einfach da und hat ein kurzes, schönes Leben. Wenn die Menschen das Leben so genießen könnten wie der Schmetterling in seiner letzten Lebensphase, müssten sie zum Beispiel nicht so viele Kriege führen und Atomkraftwerke bauen.

Ausgangspunkte der Kammeropern unter der thematischen Klammer „Die Verbesserung der Welt“ sind sieben barmherzige Tugenden. Diese waren: Hunger stillen, Durst löschen, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Kranke und Gefangene besuchen, Tote begraben. Wirkt der Begriff Tugend nicht altmodisch?

Jury Everhartz: Doch, natürlich wirkt er altmodisch. Ist er auch. Aber wir machen einen kurzen Zwischenstopp und wollen nun einmal davon erzählen, dass es miteinander besser ist als gegeneinander, dass Ungleichheiten nichts Gutes schaffen und dass man mit Systemen, die Ungleichheiten produzieren, die Probleme der Welt nicht lösen kann. Die Grundidee ist reflexiv, und „re“ heißt ja eher zurück als vorwärts. Wir wollen sehr wohl die Freiheit der Kunst und sind darin sicher nicht altmodisch. Aber wir wollen keine schöne neue Welt, die nur aus Kapital und Technik besteht. Man muss auch wieder über menschliche Qualitäten sprechen.

Kristine Tornquist: Das Schöne an der Tugend ist, dass sie freiwillig ist. Wenn man sich dafür entscheidet, etwas Gutes über die Gesetze und Pflichten hinaus zu tun, wird man eigentlich erst zum Menschen.

Tugenden verkörpert man, sie sind kein niedergeschriebener Gesellschaftsvertrag und können doch zur Einigkeit beitragen. Wenn dieses Band zerstört wird, kommt es zu Problemen. Mein ethisches Handeln kann negative Auswirkungen auf jemanden anderen haben, es gibt den Spruch: „With my ethics I harm others“.

Jury Everhartz: Diese Gefahr besteht immer. Es ist zwar sehr leicht gesagt, aber die echte Ethik richtet Ansprüche an sich selbst, nicht an die anderen. Mein erster Anspruch, und das sage ich jetzt auch als Musiker: Zuhören können.

Kristine Tornquist: Der neoliberale Egoismus wird schon 200 Jahre lang trainiert. Wie kriegt man den wieder weg? Braucht es dafür einen Krieg, eine Revolution oder kann man das über mehrere Generationen langsam umlernen?

Jury Everhartz: Welche Utopien gibt es als Alternativen zu diesem Turbo-Kapitalismus, der uns alle gegen die Wand fährt? Es kann nicht sein, dass Freiheit für alle bedeutet, dass sich einige bessere Voraussetzungen schaffen als andere und dieses Prinzip dann auch noch strukturell verankern.

Die Konzepte der Gemeinwohl-Ökonomie stoßen damit eine interessante Diskussion an. Kommen wir trotzdem zurück zum Musiktheater. Welche Tugenden gibt es für Musiktheater-Schaffende?

Jury Everhartz: Überforderung ist eine unbedingte Tugend. Du hast mit verschiedenen Dichten und Schichten der Überforderung zu tun. Es beginnt mit dem Musikhören als Geschehen in der Zeitdimension: Du hörst im Moment, kannst es aber erst begreifen, wenn du dich daran erinnerst, was vorher war und ahnst, was danach kommt.

Kristine Tornquist: Naja, du spricht jetzt auch für das Chaos.

Jury Everhartz: Ich stelle erst mal fest, dass es Chaos gibt und wir eines veranstalten – und du als Regisseurin musst dagegen arbeiten.

Kristine Tornquist: Ich bin, wenn es um Oper geht, ein Freund der klassischen Dramaturgie, die ja eine sehr alte, sehr kompakte und hilfreiche Ordnung der Dinge erzeugt. Musiktheater ist immer Überforderung Text, Musik, Bild. Insofern halte ich es schon für sinnvoll, wenn man diese Flut an Informationen in ein erprobtes Gefäß füllt, das hält. Abstraktion und Dekonstruktion passen besser auf die Sprechtheaterbühne, wo das Publikum weniger Fäden gleichzeitig entwirren muss. Bei Kinofilmen verlangt man ja auch nicht, dass sie stets neue Formen finden und dekonstruieren. Da geht es um Geschichten und Figuren. Mein Traum wären „lesbare“ Opern, die so funktionieren wie Kinofilme.

Schränkt diese antizipierte Lesbarkeit nicht die Bedeutungsoffenheit ein?

Kristine Tornquist: Erzählungen wie die „Metamorphosen“ von Ovid sind bedeutungsoffen. Wenn du sie liest, sind es ganz einfache Geschichten. Man kann sie in eigenen Worten nacherzählen und trotzdem hundertfach interpretieren. Das zeichnet eine gute Geschichte aus: es schwingt viel mit, man kann sich viel dazu denken – und sie unterfordert nicht, sondern fordert zum Interpretieren auf. Man nimmt sein Publikum ernst, wenn man ihm zutraut, dass es sich selber etwas dazu denken kann. Der Hunger nach Narrativen lässt sich nicht in einem Jahrhundert experimenteller Moderne abstellen, der ist noch immer da wie vor 4000 Jahren. Und Erzählen heißt nicht gleich Bevormunden.

Kristine, bei deinem Internet-Roman „Zuper Billu” aus dem Jahr 1998 hast du aber keinen klassisch gestrickten Roman vorgelegt, sondern sehr abenteuerlich und chaotisch die Narrative dekonstruiert …

Kristine Tornquist: Den habe ich damals weniger für Leser als zu meinem eigenen Vergnügen geschrieben. Aber ich denke, in der Prosa gelten andere Regeln als im Libretto. Der Lesende kann sich einteilen, wie lange er in einem Buch liest, was er überdenkt, wo er innehält. Bei einer Oper prasseln die Eindrücke auf dich ein und es gibt kein Entkommen. Der Zuschauer soll die Musik genießen, den Text verstehen, die Körper lesen und dabei den Sinn verstehen. Alles zugleich! Da lohnt sich eine intelligente Ordnung, die das zusammenhält.

Ihr habt einmal vor Jahren den Begriff der „Operelle“ geprägt. Er steht für novellenartige Kurzopern. Trifft er auch auf die Stücke im Rahmen von „Die Verbesserung der Welt“ zu?

Kristine Tornquist: Als wir angefangen haben, Opern zu produzieren, haben die Leute gestöhnt – weil es für sie so aussah, als würden wir langweilige Stücke mit großer Geste auf die Bühne bringen. Wir wollten aber die große Oper ganz klein und zugänglich machen. Die Operellen waren 15-Minüter, ein ideales Format, um zu experimentieren und etwas Tollkühnes oder Absurdes zu machen. Kürze hat schließlich auch einen ganz banalen Reiz: Wenn sich der Vorhang schließt, hat noch keiner gedacht: „Hoffentlich hört es bald auf“.

Eine Frage, die ich mir immer wieder bezüglich der Texte für Musiktheater-Stücke stelle. Wann und warum wird eine Textstelle gesprochen oder gesungen?

Kristine Tornquist: Wir haben zwei Stücke mit gesprochenen Textpassagen. Wenn es möglich ist, bitte ich die Sänger*innen, völlig artifiziell zu sprechen, damit die Unterschiede nicht so groß sind. Die meisten Sänger*innen sind keine ausgebildeten Sprecher*innen. Sie können mit der Sprechstimme selten die Kraft und Dringlichkeit ihrer Singstimme erreichen.

Jury Everhartz: Das gilt auch für Musiker*innen aus einem Orchester, die man im Stück reden lässt. Sie sprechen sehr präzise, sind aber meistens unglaublich unterspannt. Der Text ist aber nicht damit erledigt, indem man ihn aufsagt. Es geht um Rezitativ und Arie, artifizielle Umgänge mit dem Sprechen und Singen. Beim Musiktheater kommt man in „ein eigenartiges Land“, in dem man noch nie gewesen ist und in dem man die Sprache nicht spricht. Hat die gesprochene Sprache einen anderen Zweck als die gesungene Sprache, glaubt man das auf der Stelle. Zerlegt man dann das Sprechen in seine Struktur, kann das sehr speziell werden. Wir haben diesmal wiederum ein Stück dabei, bei dem es sogar Koloraturen gibt.

Kristine Tornquist: Das ist ganz selten. Melismen kommen bei Komponist*innen von Neuer Musik fast nicht mehr vor.

Jury Everhartz: Man darf das auf keinen Fall allzu ernst nehmen, die Frage nach dem Gesang. Mag sein, dass ursprünglich durchaus rein akustische Gegebenheiten den Ausschlag dafür gegeben haben, warum ein Text gesungen wurde. Und wenn man es eine Weile lang tut: dann kommt einem das Singen beinahe natürlicher vor als das Sprechen. Wenn gesungen wird, fällt ja auch auf, wieviel auch sonst in einem Kommunikationsakt transportiert wird. Das gesprochene Wort ist meist nur ein kleiner Teil davon.

Vielleicht lässt sich das mit der fehlenden Bereitschaft verbinden, Humor in die Stücke zu bringen. Kristine, ich fand zwei Zitate von dir, die du einmal bei einem Interview gesagt hast: „Komik ist nicht umzubringen, wenn man sie ernst nimmt.“ und „Hierarchie ist das Gegenteil von Komik.“

Kristine Tornquist: Hierarchie ist ein guter Nährstoff für Humor, wenn man sie nämlich ins Lächerliche kippt. Man lacht über Figuren, die sich selber nicht komisch finden oder die auf keinen Fall komisch sein wollen. Insofern ist Humor ein Gegenteil von Hierarchie.

Jury Everhartz: Humor löst jede Ordnung auf. Er ist dasselbe wie Phantasie. Kreativität ist Humor. Das kann man synonym sehen. Alles andere ist Ordnung und Verwaltung.

Kristine Tornquist: Im Mittelalter verstand man unter Witz vor allem Schadenfreude – ein bekanntes Beispiel ist die Geschichte von Till Eulenspiegel. Andererseits habe ich bei den Recherchen zum Gilgamesch-Epos sehr viel sumerische Literatur gelesen – da findet man viertausend Jahre alte Witze, die man immer noch versteht. Humor ist dem Menschen – wie die Dramaturgie – eingeschrieben. Beides ist mit uns auf die Welt gekommen.

Jury Everhartz: Es gibt ein Loslösen vom Über-den-anderen-lachen hin zum Über-sich-selbst-lachen. Das ist der feine, befreiende Moment, wenn man von sich selbst loskommt. Auch in der deutschen Neuen Musik haben sie verstanden, dass es ohne Humor nicht geht. Langsam kommt Eric Satie wieder durch. Die Avantgarde-Musik davor, die für mich eine Hyperform der deutschen Spätromantik ist, hat das nicht gekannt.

Humor ließe sich auch als Tugend einführen, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, über sich selbst zu reflektieren und gleichzeitig Empathie zu anderen aufzubauen.

Kristine Tornquist: Stimmt, das wäre eine schöne Tugend. Auch im Sinne von Gelassenheit.

Jury Everhartz: Das gehört unbedingt dazu. Das echte Thema von „Die Verbesserung der Welt“ ist eigentlich Souveränität – und die gibt es nicht ohne Humor.

Kristine Tornquist: Souverän bist du, wenn du es aushältst, dass man dich auslacht – und du mitlachst. Starke, souveräne Menschen können das.

Jury Everhartz: Außerdem ist Humor hochgradig subversiv. Hierarchien können dadurch zusammenstürzen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

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