Lachen Sie ruhig über uns: Wir sind Weltverbesserer.

Nicht umsonst gilt es bis auf den heutigen Tag als Gipfel der Lächerlichkeit, die Welt verbessern zu wollen, indessen die konträre Anstrengung auf eine gewisse Hochachtung immer rechnen darf. Hans Magnus Enzensberger, Im Gegenteil, Suhrkamp, 1981

Wozu geht man eigentlich ins Theater ? In die Oper und ins Musiktheater zumal, wo man, zusätzlich zu den Kosten und allen anderen Unbequemlichkeiten, die man für den Besuch einer derartigen Veranstaltung auf sich zu nehmen hat, immer damit rechnen muß, nur einen Bruchteil der vorgetragenen Texte verstehen zu können, und wo man sich, im Übertitelungsfalle, entscheiden muß, ob man den Geschehnissen auf der Bühne folgen oder doch lieber der elektronischen Librettolektüre obliegen möchte.
Man hat das doch alles daheim viel komfortabler, billiger, zugänglicher. Im engen Fernsehkästchen oder auch noch auf dem Breitbildschirm kann man Bühne und Untertitel zugleich im Auge behalten, man muß keine Anreise und nächtliche Heimfahrt auf sich nehmen, kann es sich rundum bequem machen und vielleicht sogar noch dies und das nebenher erledigen, was im Theater wegen der miserablen Beleuchtungssituation im Zuschauerraum oder wegen der unerwünschten Zeugenschaft der p.t. Sitznachbarn nicht gut machbar erscheint.
Der scheinbar paradoxe Widersinn unserer Pilgerfahrten an die im konkreten Fall zudem beträchtlich entlegene Pflegestätte der Opernkunst hat allerdings eine ganze Reihe rationale, emotionale und rundum plausible, gute Gründe für sich, unter denen das Live-Erlebnis, der analoge Klang der menschlichen Stimme und der Musikinstrumente und die Unmittelbarkeit der Erfahrung gar nicht an vorderster Stelle stehen. Wir geben uns darüber selten (oder nie) Rechenschaft, aber wenn wir zur Kunst, ins Theater und zumal in die Oper gehen, dann tun wir das in allererster Linie, weil wir dort eine schönere, eine lichtere, eine gesündere, kurzum: eine besser Welt zu finden hoffen als jene, die uns gewöhnlich umgibt und als deren Teil wir nolens volens funktionieren.
Anfänger geben sich dabei mit einer simplen eskapistischen Übung, mit der Herstellung einer Illusion für ihre Verweildauer am Ort des Kunstgeschehens zufrieden, und mit ihrem kleinen Nachklang bis zum ersten als Lohn für die Kulturanstrengung wohlverdienten Bier. Reflektierte Opernfreunde wissen es besser: Wer in die Oper geht, der begibt sich in die Hand der Weltverbesserer, Leute, die unsere Hirne und - was noch schlimmer ist - unsere Herzen erreichen, bewegen, begeistern und mit Zuversicht und Tatkraft erfüllen wollen. Natürlich sagen die Opernmenschen das nicht so. Sie wollen sich nicht lächerlich machen. Öffentlich sprechen sie daher gerne über die Kunstform, über die fließenden Grenzen zwischen Oper, Performance und Musiktheater, über die dynamische Veränderung des Genres, interessante junge KomponistInnen, die Entwicklung von Instrumentarium und Elektronik und anderes formalistisches Kunstzeugs.
Die Sirenen sind da anders. Sie nennen ihr Projekt auch noch öffentlich so: DIE VERBESSERUNG DER WELT und setzen sich obendrein dem Religionsverdacht aus, indem sie allen Ernstes sieben neue Kammeropern in Auftrag geben, die jeweils eines jener sieben Werke der Barmherzigkeit zum Thema haben, die als beispielhaft für rechtliches und verdienstvolles Handeln im Buch jenes Zöllners genannt werden, der später als der Evangelienautor Matthäus berühmt geworden ist: Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt. Ich bin Gast gewesen, und ihr habt mich beherbergt. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen. Der siebente Akt des Erbarmens, die pietätvolle Bestattung der Toten, hat dann der Kirchenlehrer Lactantius im vierten Jahrhundert hinzugefügt.
Nun ist es mit der Verbesserung der Welt so eine Sache. Alleine ist das schlecht machbar. Man muß dafür mit anderen Menschen zusammenkommen, sich über die Notwendigkeit des Unternehmens und über geeignete Schritte zu seiner Durchführung verständigen, einander Mut machen und dann - gemeinsam oder jeder auf seinem eigenen Weg - ans Werk gehen. Dafür ist im gewöhnlichen Opernbetrieb meist wenig Raum. Man kommt, trinkt etwas am Buffet, hört und sieht, spricht in der Pause vielleicht noch über die SängerInnen, Dirigenten, das Werk, fährt heim und schläft sich aus.
Das kann man auch anders machen. Die Sirenen haben in der Akademie für Gemeinwohl die richtige Gesinnungsgenossin gefunden und solcherart werden die achtundzwanzig Opernabende komplett und das, was in Wahrheit jeder Opernabend sein soll und muß: Ein Ort der Begegnung, des lebendigen Austauschs, der Begeisterung für das Wahre, Gute und Schöne und des Glaubens an eine bessere Zukunft für das Menschengeschlecht.
Jeder der achtundzwanzig Abende des Projekts hat deshalb drei Teile, die untrennbar zusammengehören. Im ersten Teil geht es heftig zur Sache. Die Akademie stellt, unterstützt von Georg Kreisler und einem kleinen Animationsfilm aus der Klangforumserie zur Gemeinwohl-Ökonomie, die ganze blauäugig-romantische Grundidee der Sirenen und ihres Gewährsmannes Matthäus in Frage: Die Werke der Barmherzigkeit, so lästern die gefühlskalten Akademiker, tragen nichts bei zur Verbesserung und Heilung. Sie lindern Symptome, und auch das so gut wie immer in nur sehr unzureichender Weise, und sie zementieren damit jene skandalösen Umstände, die einfach abgeschafft gehören: Hunger, Durst, Nacktheit, Obdachlosigkeit, Verlassenheit in Gefangenschaft und Krankheit, unbegleitetes Sterben in würdelosen Umständen. Wir Akademiker wollen uns nicht von Evangeliendichtern auf ein gutes Morgen im Jenseits vertrösten lassen, wir halten es mit dem geliebten Heinrich Heine:

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn’ auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,
So wollen wir euch besuchen
Dort oben, und wir, wir essen mit euch
Die seligsten Torten und Kuchen.

Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.

Die Jungfer Europa ist verlobt
Mit dem schönen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Sie schwelgen im ersten Kusse.

Und fehlt der Pfaffensegen dabei,
Die Ehe wird gültig nicht minder -
Es lebe Bräutigam und Braut,
Und ihre zukünftigen Kinder!

Von einer herzerweichenden Zuversicht sind diese Verse, und sie sprechen so gut wie alles an, worum es uns an diesen achtundzwanzig Abenden gehen wird: Der ständig wachsende Bedarf an Werken der Barmherzigkeit ist ein namenloser Skandal. Unsere Aufgabe ist es, der Barmherzigkeit die Geschäftsgrundlage zu entziehen. Es gibt hienieden Brot genug für alle Lebewesen, und übrigens auch Wasser, Kleidung, Obdach und Heilkräuter aller Arten. Und alle diese schönen und lebensnotwendigen Güter werden ganz ohne Barmherzigkeit in vernünftiger und zufriedenstellender Weise verteilt werden können, wenn die Jungfer Europa sich nur endlich dem schönen Geniusse der Freiheit in die Arme werfen wollte, statt sich jenem unersättlichen Raubritter hinzugeben, der sich den Namen der Freiheit sehr zu Unrecht angemaßt hat.
Über diese Frage werden wir mit Menschen sprechen, von denen manche Heines Sicht der Dinge - die auch die unsere ist - teilen. Wir werden uns aber auch in engagierte und enragierte Streitgespräche mit jenen einlassen, die meinen, daß alle Versuche, hier auf Erden schon das Himmelreich zu errichten (oder die irdischen Verhältnis zumindest in Richtung auf ein gedachtes Elysium hin in Bewegung zu setzen), notwendig und unausweichlich in Elend, Mord und Totschlag enden müssen. Für diese Streitgespräche haben wir erstens ein theatralisches Setting und zweitens besondere Regeln erfunden:
Höflichkeit ist eine feine Sache, aber ab und an möchte man sich auch einmal alles so recht von der Seele reden. Deutlich und ohne Umschweife. Kann man das in kultivier­ter und vielleicht auch noch produktiver Art und Weise, unter Verzicht auf Gesinnungslachen und Gesinnungsapplaus, unmiss­verständlich und in großer Klarheit, aber ohne Gehässigkeit? In unseren Brandreden-­Konstellationen lassen wir jeweils zwei Personen aufeinandertreffen, die vollkommen ge­gensätzliche Ansichten vertreten. Um Anfang-­ und Schluß­wort wird gelost. Dann haben die Kontrahenten jeweils drei Mal das Wort. Beim ersten Mal für fünf Minuten, danach für drei, zuletzt für eine. Macht knapp zwanzig Minuten. Anschließend bleiben 40 Minuten für einen Diskurs mit dem Publikum. - Es geht bei dem Verfahren um Kennenlernen des Anderen und um Lernen vom Anderen. Es geht nicht ums Beweisen und ums Rechtbehalten. Deshalb werden die ProtagonistInnen unserer Streitgespräche vorweg zu einem Privatissimum zusammentreffen, auf Überraschungstreffer und Showdown verzichten und sich gemeinsam auf die Suche nach Wegen zu einer Welt machen, in der Erbarmen weitestgehend überflüssig geworden sein wird, weil nicht als Liebesgabe ausgegeben werden wird, was aus Gerechtigkeit geschuldet ist.
Nach einer kleinen Labung begeben wir uns in den zweiten Teil des Weltverbesserungsunterfangens und erleben, an Leib und Seele bestens vorbereitet, eine von jeweils vier Vorstellungen aus der Serie von sieben Uraufführungen zum Thema. Und im dritten Teil bleiben wir noch eine gute Weile zusammen und setzen unser Gespräch in kleinen Zirkeln dort fort, wo wir es am Ende des ersten Teiles abgebrochen haben und wo wir es bei der nächsten Uraufführung rund eine Woche später am selben Ort wieder aufnehmen werden.
Für den gesamten Zeitraum von der ersten Uraufführung am 1. September bis zur letzten Vorstellung der Serie am 13. November gilt das Motto Lachen Sie ruhig über uns: Wir sind Weltverbesserer. Und während Sie über uns lachen, bereiten Sie sich bitte auf unsere Fragen vor: Mit welchem Recht kann man sich erlauben, nichts zur Verbesserung der Welt beitragen zu wollen? Weil es an dieser Welt nichts zu verbessern gibt? Weil es keine Armut und keine Not gibt? Weil die Armen an ihrer Armut selber schuld sind und sehen sollen, wo sie bleiben? Weil . . . ?

Sven Hartberger, Sommer 2020