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Musik

Jury Everhartz hat für die 16köpfige Zirkuskapelle und sechs Solisten eine rasante, treibende Musik komponiert, deren boshafter Witz in schnellen Wechseln und unerwarteten Volten liegt. Everhartz greift in seinem sehr eigenen Stil auf Motive und Ansätze klassischer Zirkusmusik aus den 20er Jahren zurück – Polkas, Tangos, auf Rags wie Elephantwalk und Bear Step - aber auch auf Klassiker der Moderne wie Strawinsky oder Toch um die Launen, Intrigen und Traurigkeiten der Figuren zu begleiten.

Text und Musik

Die einen beschützt er, den anderen versperrt er den Weg. Aber nicht nur ein Zaun hat zwei Seiten, die Wahrheit liegt meistens in der Mitte, die es gar nicht gibt. Im Libretto von Kristine Tornquist heißt das: alle Protagonisten führen ein Doppelleben - nicht nur im einfachen Sinn des Wortes, sondern bühnenreal in wechselseitigen Transgressionen. Die Zirkusluft bewährt sich dafür hervorragend: hier wurden Menschen mit tierischem Vermögen (der Schlangenmensch oder der Zwergwüchsige) und Tiere mit menschlicher Erscheinung (der lesende Affe oder der sich zu Tisch setzende Elefant) gegenübergestellt. Steckt, mit Nietzsche gesprochen, dahinter der doppelte Wunsch der „Zähmung der Bestie Mensch und der Züchtung einer bestimmten Gattung Mensch“, so bleibt abgesehen von allem pädagogischen Fortschrittsoptimismus auch die Ahnung einer allgemein menschlichen  Schizophrenie.

Die Oper „Zirkus“ greift das auf: noch über den schönen Schein hinaus (gerade im Zirkus auch immer Selbstrepräsentation der Kunst) entwickelt sich eine recht verwickelte Geschichte aus Kriminalfall und Leidenschaft. Alle Charaktere treten janusköpfig auf: die willensstarke Tigerin ist auch die beleidigend selbstsichere Artistin, der gelehrige Affe eine defizitäre bärtige Dame, der idealistische Clown auch der linkische Elefant und der gierige Dompteur ein phlegmatischer Bär. Der vertrackteren Einfachkeit halber stecken die wertenden Eigenschaften vice versa in den Figuren: im Tier die dunkle Seite, die das Sozialgefüge von dem Moment an, an dem die Unterschiedlichkeit einzelner Interessenslagen aufzufallen beginnt, zum Einsturz bringt. Auf der hellen Seite der noch sprechen könnende, handelnde Artist. Die Bedingungen sozialer Interaktion und die Zerbrechlichkeit ihrer Organisation ist eines der Hauptthemen der Arbeit von Kristine Tornquist.

Gewissermaßen ist das ein Versuch mit dem Generalthema Parsons´ und Luhmanns, der „doppelten Kontingenz“: indem das ego auf das alter hin sich entwirft, entstehen die Grundbedingungen sozialen Handelns: das, was aktuell (d.h. nicht unmöglich) ist, ist auch anders möglich (d.h. nicht notwendig). Immer könnte der eine auch der andere sein, er wird es sogar, wenn er im anderen mit dem eigenen Ich zu tun hat. Mindestens hat ein Ich, um überhaupt sozial sein zu können, zwei Seiten. Unsere daraus entstehende Geschichte zeitigt sicher einige Verwirrung, verlangt dafür eine recht durchsichtige, jedenfalls aber stringente Musik - und beeindruckt durch die verschiedene Motivationslage der trotz allem identen Charaktere. Das Zusammentreffen der Tag- und Nachtseiten schillernd oszillierender Figuren läßt die Möglichkeit entstehen, einander widerstrebende oder unbewusste Motive darzustellen. Das Tier stellvertritt missverstande Leidenschaft, zeigt einen Ausweg des Triebes aus der Zivilisation des Triebverzichts und bleibt doch auch sein eigener Gegenspieler. So wird dem Unmöglichen schließlich auch noch seine Notwendigkeit genommen und die Katastrophe ist nicht aufzuhalten.

Die Zirkuskapelle

Die trotz aller Verwirrung einfach zu verfolgende spannende Kriminalgeschichte ermöglichte jedenfalls eine sehr konzertante Gestaltung der Oper. Für die Musik stehen die Klassiker der Zirkusmusik - von Julius Fuciks „Einzug der Gladiatoren“ über Igor Strawinskys „Circus Polka“ bis zu Mauricio Kagels „Der Tribun“ - Pate, man kann allerdings bemerken, daß der Zirkusstil selbst „zitiert“ ist.

Besetzt ist das Stück mit einer fast echten Circuskapelle, etwas Streicher, Holz, kräftiges Blech, kleines Schlagwerk und Orgelpositiv. Der Direktor Baßbariton, die Tiere / die Artisten Solistenquartett (SATB).

Die Linien der Stimmen folgen verschiedenen Gesetzmäßigkeiten (Tag- und Nachtseite): während die handlungstragenden Artisten sich vor allem in rasenden parlando-Duellen begegnen, naturgemäß also „sprechende“ Figurationen, sind die Solo-Arien der Tiere (schließlich ist die bösartige Seite des Charakters ja oft die ich-nähere, also auch lyrischere) melosorientierter. Darüberhinaus hat jeder Charakter auch noch mit eine erkennbare kleine „Macke“, sodaß ein musikalischer Zusammenhang über die Grenzen der Verwandlung hinaus gewahrt bleibt. Hier tauchen immer kleine Erinnerungen an die die einzelnen Charaktere prägenden Interaktionen der Artisten auf, aber milder, wie hinter Schleiern. Trotzdem Zirkus. Besonders spannend übrigens überhaupt der Gesang in einer traditionell rein instrumentalen Musik. Und die Verwandlung ist ja ein musikalisches Grundprinzip.

Die immer wieder verblüffende, schnell ihren ductus wechselnde Zirkus-Musik trudelt einem immer heilloseren Ende entgegen, überstürzt sich immer mehr bis sie sich gewissermaßen selbst überholt - im Moment der Katastrophe. Die das Stück abschließende große Verwandlung im magischen lieto fine wird die große Struktur erst entbergen, die als Modell der ganzen Partitur zugrundeliegt. Trotz formal strenger Anlage und Materialwahl findet die Musik aber natürlich ihr Formideal in den Gegebenheiten der Bühne.