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Die Presse, 8. September 2006, Isabella Leitenmüller-Wallnöfer

Bestie Mensch in der Manege der Moral

Uraufführung von "Circus" im Jugendstiltheater: Eine Oper zwischen Tier und Mensch.
Zirkus, lehrt uns Kristine Tornquist, ist das Spiel des Lebens. Vier Artisten stehen an diesem Klischee-Ort pars pro toto für die Menschheit mit ihren animalischen Zügen. Ein unsympathischer Zirkusdirektor (Dieter Kschwendt-Michel) manipuliert als böser Kapitalist die Marktbedingungen für den Kampf der Akteure: Clown Bruno, kein dummer August, sondern eine tragische, psychotische Figur - und ironischerweise die einzige Lachnummer des Abends! Dompteur Rudolfo (blass: Bartolo Musil) ist ein habgieriger Möchtegern-Aussteiger im Bärengewand, Hochseiltänzerin Lucie verliert als stolze Tigerin den Boden unter den Füßen, die "bärtige Dame" Olga zeigt sich als bedauernswertes Zwitterwesen, halb Affe, halb Mensch.
Der Intrigen-Reigen, den man am Mittwoch im Jugendstiltheater auf der Baumgartner Höhe sah, beginnt mit der verlorenen Zirkuskasse, beschleunigt bis zum Sturz der Artistin und wird durch den Direktor als Deus ex machina mit seiner Zauber-Nummer jäh beendet. Zersägen kann er "Assistentin Zuversicht" (Nina Plangg) aber nicht. So siegt das Gute in der bunten Maskerade (Kostüme: Andrea Költringer), begleitet von der recht autonomen Zirkuskapelle - Dirigentin Anna Sushon ist der Blick zu den Sängern schlicht verwehrt!
Jury Everhartz' Komposition, eine Mischung aus aggressiver, ironischer Varieté-, lyrischer Bar- und launenhafter Rumtata-Musik mit viel Blech und Schlagwerk ist für Sängerleistung und Szene viel zu laut, wohl auch zu laut gespielt, zumal die Arien durchwegs im oberen Stimmfach-Drittel angesiedelt sind. Als Konsequenz ergibt sich Textunverständlichkeit. Erfreulich die schauspielerischen Leistungen: Der ausdrucksstarken Tigerin Annette Schönmüller verzeiht man gern gequetschte Töne in den luftigen Seiltanz-Höhen, dem Clown Günther Strahlegger unsauber intonierte Witzchen. Das schlichte Regiekonzept scheint nicht jedem Spieler zu behagen und wirkt oft aufgesetzt, wenn auch der glitzernde Schnürl-Vorhang als goldener Käfig sowie Zirkuselemente ideenreich eingesetzt wurden.
Der melancholischen Olga gehören die wenigen stillen Momente des langen Abends, an dessen Ende Maida Karisik als "missing link" zwischen Tier und Mensch eine besondere Weisheit parat hat: Der Mensch ist dem Affen ähnlicher, als er glaubt. Dass Tiere uns in vielem voraus sind, ist wohl eine andere Geschichte, die man nicht im Dressur-Zirkus erfährt . . .

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