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Wirklichkeit inszenieren?

Gnadenlos ist die Wirklichkeit, die hier gegen die Kunst steht. Alles sträubt sich gegen eine Gestaltung. Diese Wirklichkeit verwehrt sich gegen die Verkünstlichung. Das Schicksal des Mädchens Anne Frank ebenso wie das von Millionen anderer Menschen steht so unberührbar in seiner Schrecklichkeit und Unfassbarkeit da, dass alles davor verstummen muss.
Und doch verwehrt sich die Wirklichkeit noch mehr gegen eine Verdoppelung auf der Bühne, die niemals eine sein kann, die niemals etwas andere sein kann als: Nachäffen, Anmassen, Verflachen.

Nein, Theater muss in einem bescheidenen und deutlichen Abstand hinter dieser Wirklichkeit hergehen, sich beugen, die ausdruckslose Miene der Diener tragen, einer Wirklichkeit die Schleppe halten, die über jeden Zweifel erhaben ist.
Am schwierigsten jedoch, dass dieser Teil der Wirklichkeit, den Grigori Frids Vertonung von Anne Franks Tagebuch aus dem Versteck beleuchtet, nicht die ganze Geschichte ist, sondern nur eine Vorgeschichte, die ihre eigentliche Pointe im Dunkeln belässt. Das Zentrum dieser Geschichte liegt ausserhalb der Geschichte - der Holocaust. Was Anne Frank dort erfahren hat, wissen wir nur aus äusserst spärlichen Zeuginnenberichten. Wir wissen, dass sie die grosse Tapferkeit und ihren Willen zum Glück und Leben, der aus jeder Zeile des Tagebuches atmet, restlos verloren hat.

Diese grausame Pointe muss nicht dargestellt werden, weil sie allgemein bekannt ist, weil sie anwesend ist wie in einem Ritus, wie in einer religiösen Zeremonie. Aber diese dunkle, riesige, unsichtbare Pointe beschattet auch die sichtbare kleine Geschichte, die hier auf der Bühne erzählt wird.

Die Konsequenz? Dass man gegen und unter diesen riesigen unsichtbaren Schatten aus den Augen des Publikums eine lichtere Situation entwickelt, die hilflos und vergebens im dunklen Blick untergehen muss: die kleine mutige Anne Frank, die mit kindlicher Zuversicht an Licht und Zukunft denkt?
Oder soll man den Schatten auf die Bühne bringen, soll man ihn vorwegnehmen und das Ende vor dem Anfang zeigen, wie es Frids Musik von Beginn an tut? Soll man die kleinen Fröhlichkeiten schon brechen, die Scherben aus der folgenden Brechung auf die Bühne streuen? Den Tod zeigen, der schon pechschwarz und nicht abzu-schütteln an der kleinen wehr- und noch ahnungslosen Anne Frank klebt?

Das Publikum selbst ist mit seinem vorausgreifenden Wissen der Schatten, der auf diese Geschichte fällt. Im Theater heute ebenso wie damals in der Wirklichkeit.

Kristine Tornquist