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mica Musiknachrichten , 1.7.2009 - hr

Sirene-Operntheater: Wöchentlich neue Perutz-Episode von „Nachts“, drei folgen noch (Banlaky, Schedlberger, Dienz).


Chapeau für Komponisten, Interpreten und Leading-Team: Einstündige Kammeropern, jede Woche eine Uraufführung! Auch die nächsten drei Wochenenden sollte man daher am Freitag oder Samstag den attraktiven Spielort aufsuchen: Expedithalle der Anker-Brotfabrik, Wien 10, Puchsbaumgasse 1 (Tor 4). Neun Wiener Komponisten vertonten in neun Episoden Leo Perutz´ Roman „Nachts unter der Steinernen Brücke“. Den Beginn machte René Clemencic, es folgten Oskar Aichinger, François-Pierre Descamps, Wolfram Wagner, Lukas Haselböck, Paul Koutnik. Die drei oben im Titel Genannten kommen noch dran.
Über Leo Perutz’ Roman in scheinbar unabhängigen Erzählungen haben wir im Vorausartikel bereits berichtet. Der Autor dieser Besprechungen hat in der Zwischenzeit den auch an Sirene-Abenden beim dortigen Infostand erhältlichen Roman inzwischen fast zur Gänze noch einmal verschlungen (dtv-Ausgabe). Das 1924, erst 1951 vollendete Romanwerk des 1882 in Prag geborenen, 1899 - 1938 in Wien ansässigen Leo Perutz, der nach Tel Aviv emigrierte und 1957 in Bad Ischl starb, ist in der Literatur des 20. Jahrhunderts einzigartig: Der jüdische Wiener Emigrant, ein skrupulöser und großartiger Langsamschreiber, berichtet der Herausgeber in seinem Nachwort zum Buch, schrieb etliche Teile von „Meisls Gut“, wie er den Roman eigentlich ursprünglich nennen wollte, zwischen 1943 und 1945. Nur zwei Geschichten („Das verzehrte Lichtlein“ und „Der Engel Asael“) fehlten noch, um, wie er Freunden schrieb, „den Zusammenhang des Ganzen herzustellen, d. h. um aus einem Dutzend Alt-Prag-Novellen den Roman von Mordechai Meisl und Rudolf II.zu machen“. 1951 fügte er hinzu: „Ich glaube, das Buch ist mir wirklich gelungen, schade nur, dass ich es nicht vor zwanzig Jahren geschrieben habe. Kisch und Werfel hätten es gewürdigt, aber wo sind die beiden!“
Obschon er den Stoff seines Romans der Geschichte und den Sagen und Legenden Prags entnahm, ließ Perutz keinen Zweifel daran, dass er in der Mitte des 20. Jahrhunderts erzählt ist. Der Herausgeber: „Das ist die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges; das Prager Judentum ist vernichtet, seine Geschichte und Kultur geraten in Vergessenheit … Das bestimmt das Geschichtsbild des Romans. "Nachts unter der steinernen Brücke" entwirft in verhaltener Trauer und mit hintergründigen Humor das Bild einer Epoche, deren Kultur erst im Zweiten Weltkrieg unwiderruflich endete. Dem Prag-Wiener Schriftsteller Leo Perutz ging es nicht um die Kultur von Berlin und Weimar, sondern von Prag und Wien … "Der Mensch denkt, Gott lacht" lautet ein jüdisches Sprichwort. Ein Echo dieses Lachens ist in den Romanen des Dichters Leo Perutz nicht zu überhören.“
Sensationell gut und auch mit einem Echo dieses Lachens versehen – in der Musik und auch in inszenatorischen Details (Kristine Tornquist) – war am Sonntagabend der 6. Abend. Paul (auch: Pavel) Koutnik, geb. 1961 in Wien, aber teils tschechischer Abstammung, kennt hier kaum jemand als Komponist. Wie man in der Werkeinführung erfuhr, sprang er eigentlich für einen anderen vorgesehenen Komponisten und auch Dirigenten ein. Das ensemble-on-line hielt der Komponist bemerkenswert klein (Streichquintett mit Kontrabass, an der Oboe Vasile Marian, an der Klarinette Reinhold Brunner, am Fagott Tamara Joseph; letztere, aber auch alle anderen spielte/n exquisit). Es gab viele langsame, trauernde Passagen, was mit zum Schwersten in der Musik gehört. In den Hauptrollen: Johann Leutgeb als bereits todkranker, Blut in ein Taschentüchlein spuckender Mordechai Meisl, Rupert Bergmann als Kaiser Rudolf II. Dazu noch Michael Schwendinger und Petr Strnad als deren Diener und im eindrucksvollen Schlussgesang eine weitere „Einspringerin“, die sehr schön sang: Marelize Gerber (Esthers Stimme und Eva von Lobkowitz, als Gärtner verkleidet).
Prager Judenstadt 1600. Spät am Abend im Haus des reichen Kaufmanns Mordechai Meisl. Er ist alt, sehr krank und voll dunkler Gedanken. Im Hintergrund der Bühne sieht man Kaiser Rudolf II in seinem von Kunstwerken umgebenen Bett [Anm. hr: diese Zimmer sind wie immer im ganzen Zyklus wie Möbel verschiebbare aufgestellte Schränke]unruhig und schlecht schlafen (Regieanweisung am Anfang des Stücks).
Meisl denkt an seine verstorbene Frau Esther und die rätselhaften Worte, die sie in ihrer Todesstunde rief: Rudolf hilf. Er empfindet sich als „ein eigentlich bereits verglühtes und nur noch gewaltsam am Leben erhaltenes Licht.“ Was, sagt er, ist eigentlich der Zweck meines Lebens? Philipp Lang, der Kammerdiener des Kaisers kommt, um die vereinbarte Rate des Kaisers abzuholen, ist gierig, weil er sich selbst die Hälfte des Erbes aneignen will. Als Meisl zusammen mit seinem Diener Mendel als Fleischer verkleidet Fleisch für die Raubtiere in die Burg bringt, um Rudolf (denn der Kaiser will der Fütterung immer selber beiwohnen) persönlich zu sehen, wirft sich die als Gärtnerin verkleidete Eva von Lobkowitz vor dem Kaiser nieder. Rudolf hilf, spricht auch sie, um für den im Zwinger inhaftierten Vater zu bitten. Da begreift Meisl, dass Kaiser Rudolf der Geliebte seiner Frau gewesen ist. Er beschließt sich zu rächen: Der Kaiser soll nichts erben, er wird seinen Reichtum und sein ganzes Geld für ein neues Rathaus, ein Waisenheim, ein Armenhaus, ein Siechenhaus, Schulen für die Armen verschenken. „Jetzt muss ich noch gerade so lange leben, bis ich wieder ein armer Mann bin, um als armer Mann zu sterben. Rudolf, ich helf dir nicht.“
Die Stimme Esters singt: „Mordechai! Schlaf und vergiss deinen Kummer, schlaf und vergiss dein Leid! Verzehrtes Lichtlein, erlösche. [Rabbi Löw bläst die Kerze aus. Es wird dunkel.]
Paul Koutnik ist ausgebildeter Biochemiker, hauptberuflich unterwegs im Bereich der klinischen Chemie und Laboratoriumsdiagnostik in Ost- und Südost-Europa, unterhält sonst auch eine Konzerttätigkeit an Klavieren, Cembali und Orgeln in Barockmusik, Kammermusik und als Liedbegleiter, er komponierte auch geistliche und weltliche Vokalmusik und Stücke für kammermusikalische Besetzungen.
Im Programmheft der Produktion schreibt er zur Musik: „Retrospektiv wurde mir während der letzten Jahre die Ehre zuteil, fast jede Situation aus der Handlung und fast jeden Charakter, jede Rolle, jeden Schlag Mensch des "Lichtleins" kennenlernen zu dürfen … selbstherrliche Geschäftsführermentalität, finanzielle Winkelzüge beiderseits der Legalitätsgrenze, Meetings und Strategieentwicklungen, deren Gelingen und Scheitern, Loyalität und Sozialkompetenzen, Egozentrik, Verwirrung, Opportunismus, Freundschaft, Selbstlosigkeit, Hilfe. Einem Typ wünsche ich sehr gerne noch zu begegnen: einem, der die Welt aus dem Gleichgewicht bringen und sie dann auch wieder reparieren und einrichten kann. Oder der zumindest das Licht am Erlöschen hindert.“
Die sehr beeindruckende Renè-Clemencic-Oper („Nachts unter der steinernen Brücke“), wo für das Libretto die erste, die mittlere und die letzte („Der Engel Asrael“) der Perutz-Erzählungen zusammengelegt wurden, war Auftakt des Zyklus. Asrael wirft dem Wunderrabi Löw vor, durch seine kabbalistischen Fähigkeiten in das Gleichgewicht der Welt eingegriffen zu haben. Weitere Hauptrollen: Rudolf, der Rabbi Löw wegen Esther erpresst, der zu einem Trick greift, mit dem er dem Kaiser die Seele Esthers zugänglich macht; Mordechai Meisl. Eine Seuche bricht aus. Esther stirbt, als der Rabbi den Rosmarinstrauch in die Moldau wirft, in den er Esthers Seele gefangen hat. Das konnte ich auch hören, ebenso Oskar Aichingers „Der entwendete Taler“, wo auch musikalisch die Goldtaler durch die Luft flogen. Über die weiteren Aufführungen kann man Besprechungen auf der Website www.kulturwoche.at nachlesen, wenn man dort Abonnent wird.

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