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Der Mythos von Sisyphos

Sisyphos steht heute für eine Metapher, die ‚Sisyphosarbeit‘, ein Begriff, der Popularität erlangt hat. Der Name evoziert sofort das Bild eines Geplagten, der vergebens einen Stein den Berg hinaufwälzt. Doch kaum jemand vermag Auskunft über seinen Frevel zu geben, eine veritable Untat zu nennen, die der Anlass war, dass er am Ende seines Lebens diese Strafe zu verbüßen hatte. Alten Nachschlagewerken zufolge waren seine hervorstechende Eigenschaft aber seine Klugheit, seine übergroße Schlauheit!
Selbst unser Gewährsmann Homer nennt zwar Sisyphos’ Qualen, nicht aber die Ursache, weshalb er dazu verurteilt wurde, einen riesigen Felsbrocken mit größter Kraftanstrengung einen Berg hinaufzustemmen, der – ehe am Gipfel sein Ziel erreicht ist – wieder zu Tal, zurück an den Ausgangspunkt rollt.
Nachweisbar stammt Sisyphos aus dem Gebiet von Argos. In enger Verbindung steht er mit Korinth, als dessen Gründer und König er genannt wird sowie auch als Stifter der Isthmischen Spiele. Seine Frau ist Merope, eine Tochter des Atlas.
Bei Homer erfahren wir, wie Odysseus dem Phäakenkönig Alkinoos von seinen Irrfahrten berichtet, die ihn auch durch die Unterwelt führten. Dort sah er unter den Schatten auch Sisyphos, dessen Tun unter großen Qualen er genau beschreibt, aber gänzlich unerwähnt lässt, weshalb ihm diese Mühen auferlegt wurden.
Homer erwähnt Sisyphos nicht nur in der Odyssee (11, 593–600), sondern auch in der Ilias (6, 152–153); dort überliefert uns Homer eine Charakterbeschreibung und eine kurze Genealogie des Sisyphos im Stammbaum der lykischen Fürsten: er, der listigste aller Männer, ist Sohn des Äolos, Vater des Glaukos, der wiederum Bellerophon zeugte, den Bezwinger der Chimära. Nichts über ein Vergehen. Selbst Platon in seiner Apologie (41b–c) würde sich noch glücklich schätzen, Sisyphos vernehmen zu können; auch für Platon blieb ein Frevel im Dunkeln. Sisyphos’ Charakter wird an Schlauheit dem des Odysseus gleichgesetzt. Hesiod (frg. 7) unterstreicht seine Schlauheit, die auffälligerweise jener des Odysseus an die Seite gestellt wird. Die beiden Autoren Euripides (Iphigenie in Aulis 724/725) und Aischylos (frg. 175) legen uns Sisyphos sogar als Vater des Odysseus nahe. Er soll Odysseus’ Mutter Antikleia vor deren Hochzeit mit Laertes verführt haben, was Sisyphos zu Odysseus’ Vater machen würde. Das wird aber eher als eine Verunglimpfung des Odysseus gewertet. Dass Sisyphos sogar Autolykos, den gewieftesten unter den Dieben, des Rinderdiebstahls überführen konnte, spricht für sich: Er hat die Hufe der Tiere gekennzeichnet und konnte sie so an ihren Spuren in der Herde des Autolykos wiedererkennen.
Die mythologischen Erzählungen der nachhomerischen Zeit sind bemüht, für diesen populären Delinquenten ein adäquates Vergehen zu finden. Die Strafe steht fest, eine Begründung wird von den jüngeren Autoren nachgebracht.
An erster Stelle ist eben seine Schlauheit zu nennen: Sisyphos setzt seinen Intellekt auch für unredliche Zwecke ein. Er scheut nicht davor zurück, selbst den Göttervater Zeus beim Flussgott Asopos zu verraten, nachdem dieser dessen Tochter Aigina entführt hat. Zeus schickt ihm zur Strafe Thanatos, den Tod. Sisyphos jedoch setzt sich zur Wehr und fesselt diesen, was zur Folge hat, dass die Menschen nicht mehr sterben. Der Vorteil war jedoch nur von kurzer Dauer; nachdem der Kriegsgott Ares Thanatos befreit hat, wird Sisyphos diesem übergeben. Um dennoch an die Oberwelt zurückkehren zu können, verbietet Sisyphos dem elegischen Dichter Theognis (702–712) zufolge, seiner Frau Merope, das vorschriftgemäße Totenritual zu verrichten. Hades schickt ihn daraufhin in die Oberwelt, um dieses einzufordern. Sisyphos kehrt jedoch nicht wie vereinbart in die Unterwelt zurück, sondern muss zwangsweise zurückgeholt werden – Pindar zufolge von Hermes. Der Betrug am Tod ist sein zweites großes Vergehen, für das Sisyphos fortan dazu bestimmt ist, den Stein bergauf zu wälzen, womit ein weiteres Entkommen verhindert wird.
In der Antike wird Sisyphos auf attischen und italiotischen Vasenbildern sowie auf einem paestanischen Metopenrelief steinwälzend dargestellt – jenes Bild, das sich uns in unseren Köpfen festgesetzt hat. Die Tradition dieser „Sisyphosdarstellung“ reicht weit in die archaische Zeit zurück. Zu den fassbaren ältesten Darstellungen zählt eine schwarzfigurige Amphora des sog. Schaukelmalers in München, die zwischen 550 und 530 v. Chr. gemalt wurde. Zu sehen ist Sisyphos, von Persephone beobachtet, mit einem riesengroßen weißen Stein in Händen. Den Berg hat der Künstler weggelassen, da er bei diesem Bild wie ein Exzerpt auf eine ältere Darstellung zurückgegriffen hat; wir können daher davon ausgehen, dass das Bild auch ohne Berg allgemein verständlich war.
Neben antiken Frevlern wie Tantalus, der die Götter auf die Probe stellte und dafür Qualen des Verdurstens erleidet, Ixion, der sich rühmt, sich an der Götterkönigin Hera vergangen zu haben und dafür auf ein feuriges Rad gebunden wird, Pentheus, der den orgiastischen Dionysoskult verbieten will und von den rasenden Mänaden zerfleischt wird, Prometheus, der den Menschen das Feuer brachte und durch den leberfressenden Adler bestraft wird, um nur einige der bedeutendsten zu nennen, ist Sisyphos der berühmteste und, wenn man seiner Rezeption bis in 21. Jahrhundert folgt, auch der zeitloseste. So bildgewaltig der Begriff ist, der hinter Sisyphos steht, so bescheiden bleiben die antiken Quellen. Trotzdem wurde er zum Archetypus für die vergeblichen Mühen der Menschen. Sein Ziel, Unsterblichkeit zu erlangen, hat er zumindest in der Kunst erreicht.

Claudia Lang-Auinger