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Die Schiffbrüchigen

Hier ist es, wo der Geist des Menschen, der ihn über das Tier erhebt, ihn tief unter das Tier erniedrigt. B. Traven

Die Lucona ist die österreichische Version eines Totenschiffs. Udo Proksch hatte 1977 das Frachtschiff gechartert und durch Sprengstoff mit Fernzündung versenken lassen, um die überhöhte Versicherungsprämie zu kassieren. Den Tod der zwölf Seeleute an Bord nahm er dafür in Kauf. Sechs Menschen starben schliesslich. Proksch wurde verhaftet - das ist der Unterschied zu B. Travens Totenschiff. Allerdings auch nur deshalb, weil die Versicherung nicht zahlen wollte. Geld und Gesetz machen in B. Travens Totenschiff gemeinsame Sache. Wer nämlich ersteres nicht hat, auf dessen Seite steht das zweitere nicht. Und wer das Gesetz nicht auf seiner Seite hat, ist als Rechtloser verraten und ans Geld verkauft.
Gale, der Held des Totenschiff landet, nachdem er seine Papiere verloren hat, unversehens auf der Seite derer, die keine Rechte mehr haben. Ohne Papiere und Aufenthaltsgenehmigung von der Staatengesellschaft an Land nicht mehr geduldet, bleibt ihm nur, aufs Meer auszuweichen. Doch auch auf See muss er auf den sogenannten Totenschiffen anheuern, schwimmenden Höllen wie der Yorikke, die als Schmuggelware Waffen im rechtsfreien Raum der Weltmeere bewegen oder - wie die Lucona und im Roman die Empress of Madagaskar – nur durch ihren Untergang als Versicherungsfall dienen. Wer solche Geschäfte macht, bedient sich gern derer, deren Rechte kein Staat und keine Gewerkschaft mehr vertreten und deren Tod kein Aufsehen erregt, weil sie offiziell ohnehin nicht mehr existieren. Auch heute gibt es solche Galeeren unter Billigflaggen, auf denen nur das Gesetz des Geldes gilt, sowie Agenturen, die Billig-Seeleute wie Sklaven handeln. Es ist an Land natürlich nicht anders, Totenschiffe gibt es im übertragenen Sinn überall, wo Armut herrscht.
Der Zynismus, mit dem Menschenleben dem kurzfristigen Gewinn geopfert werden, ist Travens roter Faden, der sich durch seine 25 Romane zieht. Zynisch und oft auch demagogisch ist sein Stil, doch sein Anliegen ist, den Blick auf die Entrechteten und Unterdrückten zu richten, nicht aus der Vogelperspektive des Autors, sondern von mittendrin, aus eigener Erfahrung. Wie sein Held war er Seemann, sass ohne Papiere im Gefängnis und schlug sich auf der Flucht vor dem Gesetz ohne Geld durch. Mit Scharfsinn, lakonischem Witz und ohne jede Sentimentalität zeigt er, dass erst unter den Bedingungen der Freiheit – und damit meint er tatsächlich frei von Geld, Heimat, Recht und Namen, von allem – sich ein Mensch beweisen kann, erst dann überhaupt sichtbar wird in seiner wahren Gestalt. Diese Vogelfreiheit, die er im Totenschiff beschreibt, hat sich B. Traven in seinem eigenen Leben selbst genommen, indem er immer wieder alle Brücken hinter sich abbrach und seine Sicherheiten verliess. Er vertrat damit seine sehr eigenwillige und persönliche Anarchie gegen das Gesetz, das seiner Meinung nach nur dazu dient, der Bourgoisie das Geld gegen die Ansprüche der Gerechtigkeit zu verteidigen. Gesetz und Geld sind in seinen Büchern immer der Gegner des Menschen, wie Das Totenschiff, Die Weisse Rose oder seine berühmte Parabel Der Schatz der Sierra Madre erzählen.
Kurt Tucholsky verglich Traven mit Balzac, denn ähnlich episch wie dieser umgreift Traven die ganze Tragödie des Menschseins: Er ist zunächst ein Mann, der die gesellschaftlichen Zusammenhänge gut erkannt hat. Bitter ist er und hart, wenn er zuschlägt. Es trifft alles, was er sagt: die Kritik an dieser Zivilisation, der Spott, der Hieb – alles.