1001 Nacht: verschlungene Geschichten von Schicksal, Hoffnung und Glück

Nur wenige Märchensammlungen der Weltliteratur haben die Phantasie ihrer LeserInnen in so vielerlei Spielarten angeregt wie „Tausend und eine Nacht“. Woher kommen die wundersamen Geschichten, die in so vielen Versionen in Ost und West immer wieder neu gelesen werden, die immer noch Geheimnisse preisgeben und Künstlerinnen und Künstler dazu anregen, bisher unbekannte Facetten dieser Geschichten zu beleuchten – auch auf der Bühne? Was bedeuten sie und warum faszinieren sie bis heute….?
Die populärsten Geschichten aus 1001 Nacht sind verschachtelte Erzählungen, mehrere Geschichten in einer Geschichte, umspannt von der Rahmenhandlung der beiden Hauptfiguren, des Königs Schahriyar und seiner Gattin Schahrzad, populär oft Scheherezade genannt. Die Orte der Handlung wechseln in verschiedenen Versionen: König Schahriyar regiert einmal "im Inselreich von Indien und China", ein anderes Mal stammt er aus Samarkand im heutigen Usbekistan. Doch wie ein roter Faden zieht sich der Hauptinhalt durch alle Spielarten:
Der König merkt, dass ihn seine Gattin betrügt und empfindet das als tiefes seelisches Trauma. Er wird zum Frauenfeind und beschließt, künftig jede neue Gemahlin nach der Hochzeitsnacht zu töten. Zahlreiche junge Mädchen fallen dem Wahn des Königs zum Opfer, bis Schahrzad als Braut auserkoren wird. Sie ist die ebenso gebildete wie schöne und schlaue Tochter eines Wesirs. Allen Sorgen von Familie und Freundinnen zum Trotz beendet sie diese grausame Art von Geschlechterkampf durch ihre List: jede Nacht erzählt sie dem Herrscher eine Geschichte, deren Fortsetzung oder Ausgang sie auf die nächste Nacht verschiebt. Durch die spannenden Erzählungen entwickelt die kluge Schahrzad einen Heilungsplan für das psychische Leiden ihres königlichen Gemahls: schon in der ersten Nacht finden sich Anspielungen auf das, was ihn 'verrückt und geisteskrank' machte; Schicht um Schicht legt sie seine seelischen Wunden frei, lässt ihn durch die verschlungene Handlung Distanz zum Erlebten gewinnen. Zuletzt spricht sie indirekt über sein eigenes Schicksal, hält ihm sozusagen den Spiegel vor, und schließlich folgt, worauf alle hofften: die Selbsterkenntnis und Reue Schahriyars.
Die allnächtlichen Erzählstunden brachten neben seelischer Heilung wohl auch körperliche Freuden, denn die Königin, die jeden Morgen auf neue Geschichten für den Abend sinnt, soll im Laufe der Handlung bereits ein Kind - nach anderen Versionen drei Kinder - zur Welt gebracht haben. Durch Mut und Einfallsreichtum rettete Schahrzad nicht nur sich selbst, sondern befreite die Mädchen des Königreichs vom Alptraum der Zwangsehe mit einem gewalttätigen Ehemann.

Historische Spuren
Etwa im 8. Jahrhundert wurde eine Sammlung indischer Märchen und Erzählungen zunächst ins Persische und zwei Jahrhunderte später ins Arabische übertragen. Dabei kamen Ergänzungen hinzu, die wohl schon als unabhängige Teile im Osten der arabischen Welt existiert hatten. Einige der bekanntesten sind die Geschichten über den Abbasiden-Kalifen Harun Ar-Raschid (763-809), welche die arabischen Hauptelemente des Werkes darstellen. Harun wird – in Verklärung seines tatsächlichen Lebenswandels – als das romantisierte Idealbild eines gerechten Herrschers dargestellt wird, der sich um seine Untertanen sorgt, sich unerkannt unter das Volk mischt und auch Sinn für Humor hat. Auch seine Ehefrau Zobeida und seine Schwestern spielen herausragende Rollen. Historisch gesehen waren sie einflussreiche Frauen, die in der Männergesellschaft zwar nicht offen mitreden konnten, ihre Interessen aber dennoch oft durchsetzten, wozu ihnen viele Mittel recht waren. In 1001 Nacht tauchen weitere Frauengestalten auf, deren zahlreiche Tricks und starkes Auftreten die Handlung beleben, die aber nicht immer historisch belegbar sind.
Es gibt auch Vermutungen über einen alt-iranischen Ursprung des Werkes; es könnte auf die "Tausend Sagen" des persischen Achämeniden-Reiches zurückgehen, etwa ins 5. Jahrhundert v.Chr. Durch die engen kulturellen Beziehungen des alten Persien zum indischen Subkontinent könnte es nach Indien gelangt und dort erweitert worden sein. Dafür sprechen die persischen Namen der Hauptfiguren, es finden sich jedoch auch Elemente aus China, Zentralasien und möglicherweise aus dem Fernen Osten.
Eine verbindliche Ur-Version gibt es also nicht, ebenso wenig wie eine/n einheitliche/n Verfasser/in. Frühe indische und persische Schriften existieren nicht mehr, und die arabische Sammlung wurde bis zum 16./17. Jh. immer weiter ausgeschmückt und erweitert, Beiträge aus Ägypten und dem Irak flossen ein.
Schon im Mittelalter dürften Teile davon in Europa bekannt geworden sein. Um die Wende vom 17. zum 18. Jh. übertrug der Bibliothekar Antoine GALLAND die phantastische Erzählung "Sindbad der Seefahrer" ins Französische. Er hörte von weiteren Geschichten und gelangte in den Besitz einer syrischen Handschrift, die aus dem 15. Jh. stammen dürfte. Sie enthält allerdings nur 282 Erzählungen aus ebenso vielen Nächten. 1704 brachte er den ersten Band von 1001 Nacht als freie Nachdichtung mit diversen Ergänzungen in Europa heraus. Seine lebendige Ausdrucksform machte das Werk zu einem populären Lesestoff. Eine umfassendere Version in deutscher Sprache erschien 1825 - 1843.
Seither sind zahlreiche weitere Übersetzungen erschienen, die auf jüngeren Handschriften von Geschichten aus 1001 Nacht basieren. In den 1920er Jahren gab der Orientalist Enno LITTMANN (1875 – 1958) eine Übersetzung aus dem Arabischen heraus, die Berühmtheit erlangte. Der Stil der Übersetzungen wurde dem Geschmack der jeweiligen Zeit angepasst. Sinnlich-erotische Passagen wurden von europäischen Übersetzern wie GALLAND und LITTMANN eher knapp gehalten oder umschrieben.
Mit der Zeit kamen auch europäische Ausschmückungen hinzu, und vielleicht gehören abenteuerliche Geschichten wie "Sindbad der Seefahrer", "Ali Baba und die vierzig Räuber", „Aladin und die Wunderlampe“ u.a. gar nicht zur ursprünglichen Sammlung, wie einige Fachleute vermuten. Manches davon könnte aus der Feder von Übersetzern wie GALLAND stammen – weil es ja kein zusammenhängendes Original von annähernd 1000 Nächten gab, sondern nur Fragmente aus verschiedenen Teilen des Orients.
In der arabischen Welt war die Geschichtensammlung schon ein wenig in Vergessenheit geraten; erst der Erfolg der Übersetzungen in Europa ließ in den arabischen Ländern wieder verstärktes Interesse daran aufkommen.
Von den Erzählungen waren nicht nur Orientalisten fasziniert: Hugo v. HOFMANNSTHAL fühlte sich davon immer aufs Neue in einen "Irrgarten der Lust" entführt, und Carl Maria von WEBER komponierte ein Singspiel über eine Episode aus 1001 Nacht. „Türkische Opern“ waren im 19. Jh. sehr beliebt, und europäische Ausgaben romantischer Märchen nahmen sich die Geschichten zum Vorbild.
Die deutsche Orientalistin Claudia OTT gab 2004 eine neue Übersetzung der 282 Nächte heraus, die sich eng an das arabische Original anlehnt und dafür viel Anerkennung fand. Inzwischen hat Claudia OTT in der Tübinger Universitätsbibliothek eine arabische Handschrift aus dem 16. Jh. gefunden, die mit der 283. Nacht beginnt. Es ist aber keine direkte Fortsetzung des ersten Fragments, sondern eine Art orientalisch-islamischer Ritter-Roman – eine weitere Geschichte in der Geschichte. Auf die neue Übersetzung darf man gespannt sein.
1001 Nacht ist auch eine Reflexion jenes Frauenbildes, das im Orient während der Blütezeit der islamischen Kultur – etwa parallel zum europäischen Mittelalter – vorherrschte. In all den kürzeren und längeren Erzählungen kommen kluge weibliche Wesen aus allen Gesellschaftsschichten vor, die durch Mut und Schlauheit, aber auch Aufmerksamkeit und rasches Reaktionsvermögen dafür sorgen, dass schließlich die Gerechtigkeit siegt, und man hat nicht den Eindruck, dass die kluge und kultivierte Frau nur ein idealisiertes Wunschbild gewesen sei. Oft wird ihre höhere Bildung hervorgehoben. Aber auch Hausmädchen oder Dienerinnen, also Frauen in einer vordergründig "machtlosen" Position, ziehen aus dem Hintergrund ihre Fäden und treffen im entscheidenden Moment die richtige Entscheidung, mit der sie sich auch durchzusetzen verstehen.
Wie immer man die phantasievollen Geschichten einstuft – sie sind nicht nur ein Spiegelbild früherer Zeiten und gesellschaftlicher Verhältnisse sowohl im Orient als auch in Europa; sie arbeiten die zeitlosen Themen von Gut und Böse auf, von menschlichen Stärken und Schwächen, dem Wunsch nach dem „guten Leben“, bis zur Suche nach Gerechtigkeit, und sie stellen die Frage nach Selbstbestimmung und Schicksal. Interessant ist, dass die handelnden Personen keineswegs „fatalistisch“ eingestellt sind – sie fügen sich eben nicht in jenes Schicksal, das andere für sie bestimmen möchten – aber meist stellen sich mutig dem, was unabwendbar auf sie zukommt.

Lise J. Abid