Das Projekt sirene Operntheater

Gerade die Hacker-Szene zeigt, dass Avantgarden in der späten Moderne versteckter und doch zugleich wirkungsvoller auftreten als die an Genies orientierten Avantgarden der klassischen Moderne. Ein sympathisches Beispiel kommt aus dem aktuellen Wien: Das Projekt sirene Operntheater, 1998 aus der Zusammenarbeit von Kristine Tornquist und Jury Everhartz entstanden, definiert sich - gleichsam über die Gruppe der kreativen Mitgestalter - als versteckte Avantgarde: Die Versammlung von Künstlern oder Denkern um ein gemeinsames Feuer, um einen gemeinsamen Topf ist - entgegen dem Klischee vom genialen Einzelgänger - eine der Qualitäten, die in der Kunst- und Kulturgeschichte immer wieder ins Auge sticht. Die Magie der Gruppe - der erklärten wie der assoziativen - ist eine treibende Kraft. In der Gruppe verdichten sich Ahnungen zur Idee, die Gruppe treibt Ideen und treibt den einzelnen innerhalb der Gruppe vorwärts, in ein gemeinsames Zentrum (oft dann auch wieder hinaus, wenn es zu eng wird), aber wirkt in jeder Richtung als Katalysator individueller und geteilter Entwicklung (Tornquist). Dies ist ein gelungenes und ermutigendes Beispiel im Wien von heute. Wie solche versteckten Avantgarden im 21. Jahrhundert prinzipiell aussehen könnten, ob sie wichtige Hebammen des Modernismus sind, wie Steve Watson glaubt, oder tragende Geflechte für innovative Aufbrüche, wie Wolfgang Kos voller Emphase erhofft, ist freilich keine Frage der soziologischen Prognose, sondern der realen, politischen, sozialen, literarischen und künstlerischen Praxis. Peter Alheit: Versteckte Avantgarde