Tausend Nächte und eine Nacht

1704 brachte Antoine Galland die Geschichten bis zur 282. Nacht erstmals in Europa heraus. Die arabischen Handschrift, die er ins Französische übertrug, ist die älteste schriftlich erhaltene Fassung, entstanden etwa um 1450 und mitten in der 282. Nacht unterbrochen. Die fehlenden Nächte ersetzte Galland - vom Erfolg des Buches angefeuert - mit verschiedenen Sagen aus dem arabischen Raum, die er im modisch-exotischen Stil ausschmückte.

Weitere Orientalisten und Abenteurer im orientalischen Raum trugen weitere Geschichten und Fassungen zusammen und interpretierten bzw zensierten sie je nach Geschmack. So kann man sagen, das Gallands Übersetzung für das Kinderzimmer, Weill und Littmanns Übersetzungen ins Deutsche für die Bibliothek und Richard Burtons Auswahl für das Schlafzimmer gedacht waren. Die Galland-Handschrift wurde unlängst von Claudia Ott erstmals werkgetreu ins Deutsche übersetzt - soweit das überhaupt möglich ist. Denn da die arabische Silben einander sehr ähnlich sind, ist die gesamte Handschrift gereimt, was sich schwer ins Deutsche übertragen lässt.

Denselben exotischen Reiz, den die barocken Europäer empfanden, hatten die Geschichten ursprünglich auch im arabischen Raum. Die älteste und berühmteste Geschichtensammlung entstand vermutlich um das Jahr 300 in Indien und wurde über Persien in den arabischen Raum überliefert. Vor allem die Kerngeschichte von König Schariyar und Scharazad ist indischen Ursprungs, weiters stammt das System der Schachtelerzählungen und einige buddistische Mönchserzählungen aus dem indischen Raum. Die Namen der Protagonisten, Schariyar (Träger der Herrschaft) und Scharazad (die Glanzgeborene), sind jedoch bereits persisch. Vom 5. bis 8. Jahrhundert füllte sich der indische Rahmen mit persischen Geschichten auf. Ab dem 12. Jahrhundert kam der Zyklus über Ägypten in den gesamten arabischen Raum. Die indische Konstruktion der Rahmenerzählung mit eingeschobenen Geschichten wurde im Lauf der Überlieferung im arabischen Raum immer weiter und tiefer verschachtelt.

Der historische und topologische Umfang der Geschichten, der sich bis dahin bereits angesammelt hatte, ist allerdings gewaltig: altbabylonische Dämonengeschichten, jüdische Sagen um König Salomon, Beduinenerzählungen, syrische Märchen, angereichert mit Figuren aus der Schöpfungsgeschichte des Koran wie den Dschinn (die Gott aus Feuer geschaffen hat), historischen Figuren wie Alexander dem Grossen, semihistorischen wie dem berühmten Kalif Harum Al-Raschid oder Gilgamesch. In all das wurde nach und nach der Islam mit ständigen Gottesanrufungen und religiösen Einlassungen hineinverwoben.

Kristine Tornquist