Perestroika und der schräge Sound der Russischen Revolution

Was für eine Wahl haben wir?  Zwischen Wurst und Leben. Wir wählen das Leben! Wladimir Putin

Vor Beginn der Komposition schrieb Periklis Liakakis:

Die verstimmten Gitarren, das schlecht produzierte Schlagzeug aus Moskau, Leningrad oder der DDR der 70er, 80er und der 90er Jahre verklingen noch in meinem Kopf. Die rauen, brüllenden Singstimmen, die damals „No Future“ in billige Mikrophone eingesungen und es wirklich gemeint haben. Damals haben wir nur wenig davon gewusst oder wissen können. Heute hören wir uns wieder diesen Sound an und kriegen Gänsehaut: origineller konnte es nicht sein. Wenn wir das nun, heute, auf vierteltönige Blechbläser-Akkorde (die Rote Armee lässt grüssen!), dichte Streicherpartien und ätherische Bayan-Klänge, gefiltert oder verzehrt durch Elektronik, zart zusammenmischen / aufeinander prallen lassen, was wird, was könnte überhaupt dabei herauskommen? Was wird das Endresultat sein? Eine originelle Musiksprache? Eine Oper am Grade des Stalinismus / Putinismus? Etwas, das jeder lieben würde? Etwas, das alle hassen werden?
Die Frage ist wohl so interessant, dass man eine abendfüllende Oper komponieren muss, um zu einer Antwort zu kommen.

Nach Abschluss der Komposition schrieb Periklis Liakakis:

Es wird immer eine interessante Frage bleiben: was bleibt übrig von den ersten Ideen eines Stückes, wenn man das Stück fertig komponiert hat? Oft braucht man sich nur die Partitur anzuschauen und man findet leicht die Antwort: sehr wenig. Es ist oft ein anderes Stück geworden als das, was man am Anfang zu komponieren glaubte.
Als ich am Anfang den Auftrag bekommen habe, eine politische Oper mit lebenden Personen zu komponieren, schien mir besser, etwas vorsichtig mit der Sache umzugehen.  Ich habe mich eher an klanglichen Perspektiven orientiert: eine Rockband sollte auch teilnehmen als Zeichen der Perestroika, Elektronik, dicke Blechbläserpartien als Zeichen der Roten Armee, oder des KGB, hatte ich mir vorgestellt unter Anderem. Klangsignale, mehr oder weniger, die eher abstrakt wirken. Eine alte Idee, die aber eine gewisse Atmosphäre trotz  ihres Klischees wiedergeben könnte.
Während ich aber mit der Arbeit weitergekommen bin, und als ich das Libretto von Kristine Tornquist Linie für Linie vertonte, bin ich auf Sachen gestoßen, die mir gar nicht bewusst waren. Eine von denen war die enge Beziehung – vor allem was die finanzielle Situation betrifft – zwischen der damaligen Lage der Menschen in der frisch untergegangenen Sowjetunion und der heutigen Lage der Menschen in manchen europäischen Ländern, von deren einer ich immer noch Staatsbürger bin. Plötzlich war ich dabei, eine Oper zu komponieren, die mir viel mehr bedeutete, weil sie über Situationen sprach, die mich, oder besser gesagt, Menschen die ich sehr gut kenne und die Teil meines Lebens sind, täglich beschäftigen und in den Abgrund stürzen. In dem Moment war mir klar, dass eine Rockband, Elektronik, oder die dicken Blechbläserpartien  und manches anderes noch, viel zu ungenau, ja viel zu oberflächlich wirken würden. Um es genauer zu sagen: viel zu abstrakt und brav („jeder soll davon verstehen was er will“).
Jeder wird sowieso das verstehen, was er verstehen kann und will. Das ist auch gut so.
Ich aber habe auf alle Fälle mit meinem musikalischen Messer versucht, den Schnitt in das eigene Fleisch zu machen. Um es auf einen Punkt zu bringen: konkreter bin ich geworden und eine Stellung habe ich dann eingenommen. Die wird mit musikalischen Mitteln ausgedrückt und sollte für jeden gebildeten Zuhörer oder Zuhörerin spürbar sein.
The rest is silence.

Liakakis im Interview zu seiner Oper [SPAM]