Zwischen Tier und Gott

Zwei grosse Themen, die im Epos verhandelt und verbunden werden, machen den Gilgamesch zu einem ewig aktuellen, universellen Stoff. Einerseits wird der königliche Held mit seiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert und muss einen Weg finden, angesichts des Todes dennoch ein fruchtbares und verantwortungsvolles Leben zu führen. Andererseits wird die Position des Menschen zwischen seinem natürlichen Ursprung und seiner stolzen Bestimmung, der Göttlichkeit, gesucht. Durch die Zivilisation, gewissermassen seine Menschwerdung, verliert der Tiermensch Enkidu - heimlicher Held des Stückes - seine Natur, am Totenbett beklagt er, den animalischen Frieden verloren zu haben. Gilgamesch hingegen, der ungestüme Selbstverwirklicher, will seine menschliche Sterblichkeit nicht akzeptieren. Er will Übermensch und Gott werden, um unsterblich zu sein.

Der Mensch ist weder Tier noch Gott. Er ist - so beschreibt Sin-leqeunnini seinen Helden - zu einem Drittel Erde und zu zwei Dritteln Gott. Die Göttlichkeit, das lernt Gilgamesch auf seinem Weg durch die Unterwelt, erreicht das Tier Mensch durch die Kultur und die Erinnerung der Nachwelt, die ihn weiterleben lässt und unsterblich macht.