Der Standard, 18.02.2026, Miguel de la Riva
Alter ist nicht nur eine biologische Kategorie, sondern auch eine soziale, die oft mit Diskriminierung und Ausschluss verbunden ist. Das wusste schon die Philosophin und Feministin Simone de Beauvoir.
Dass Alter und Geschlecht nicht nur biologische Kategorien und von ihren gesellschaftlichen Implikationen her wohl auch verwandt sind, wusste auch die Philosophin und Feministin Simone de Beauvoir. So verstand sie ihr 1970 erschienenes Buch Das Alter (La vieillesse) als Fortsetzung ihrer berühmten Studie Das andere Geschlecht (Le deuxieme sexe) von 1949. Laut Nanna Heidenreich, Professorin für transkulturelle Studien an der Universität für angewandte Kunst, kann man das auf zwei Weisen verstehen: De Beauvoir habe das Alter als eine Differenzkategorie verstanden, die wie das Geschlecht mit Ausschluss und Diskriminierung verbunden sein kann. Gleichzeitig sei es weniger ein biologischer Tatbestand als eine soziale Zuschreibung - etwas, das uns als Fremdes gegenübertritt.
Das verdeutlicht de Beauvoir mit einem Blick in den Spiegel, in dem sie ein Gesicht sieht, das sie nicht mehr recht als das eigene erkennt - eine Erfahrung, die in der Literatur über das Altern inzwischen als umgekehrtes Spiegelstadium diskutiert wird. Hatte der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan damit die für die Formung des Selbstkonzepts entscheidende Lebensphase bezeichnet, in der Kleinkinder beginnen sich im Spiegel zu erkennen, machen viele Menschen im Laufe des Alterns die umgekehrte Erfahrung. Sie finden sich nicht mehr darin wieder, wie sie von anderen gesehen werden.
Dass das Alter trotz des demografischen Wandels noch nicht ganz im Zentrum der Aufmerksamkeit in den Kulturwissenschaften angekommen ist, war auch Thema der Konferenz Ageing Cultures - Ageing Concepts vom Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften der Kunstuni Linz in Wien (ifk). Alter betreffe nicht nur ältere Menschen, sondern sei etwas, das allen und jedem überall und jederzeit passiert, sagte die Kinder- und Jugendkulturforscherin Julia Boog-Kaminski in ihren Einleitungsworten. Die Konferenz schloss deswegen auch eine moderierte Diskussion mit Kindern ein, die früh ein Verständnis des Alterns formen. Mit der Großelterngeneration verbindet diese nicht nur eine gegenseitige Affinität, sondern auch die Hilfsbedürftigkeit, aber auch Marginalisierung durch die mittlere Generation.
Heidenreich wiederum nutzte ihren Beitrag auf der Konferenz vor allem zu einer Kritik von Didier Eribons Buch Eine Arbeiterin, in dem dieser seine Mutter porträtiert, in Anknüpfung an de Beauvoir aber auch über den Platz älterer, hilfsbedürftiger Menschen in der Gesellschaft nachdenkt. Die Frage, ob sich alte Menschen politisch angemessen Gehör verschaffen können, komme im Rahmen seiner soziologischen Selbstbetrachtungen letztlich jedoch nur insoweit vor, als es seine eigenen Gefühle betreffe. Die nächtlichen Anrufe seiner Mutter, die in einem unterfinanzierten Pflegeheim einen tristen Lebensabend erleidet, landen auf seiner Mailbox.
Wie Heidenreich mit Blick auf seine öffentlich zelebrierte Dreieckslebensgemeinschaft mit dem Philosophen und Soziologen Geoffrey de Lagasnerie und dem Schriftsteller Edouard Louis ausführte, bleibe Eribon letztlich Anhänger eines bourgeoisen Existenzentwurfs, in dem Sorge für Kinder oder alte Angehörige keinen Platz hat. Vielmehr werde dies als Bedrohung intellektueller Produktion und inniger Freundschaften gesehen - und ignoriere damit Jahrzehnte feministischer Theoriebildung, die versuchte, Familie neu zu denken.
Mit dem Thema Altern beschäftigte sich die Konferenz aber nicht nur als menschlichem Lebensschicksal, sondern ging auch seiner Verbindung zu kulturellen Leitvorstellungen von Erneuerung, Modernität und Fortschritt nach, als deren Bannerträger klassischerweise die nächste Generation gesehen wird. Das ist eine Überzeugung, die heute nicht zuletzt durch die Wahlerfolge autoritärer und rechtsextremer Parteien unter jungen Menschen infrage gestellt wird.
Der am ifk, der Universität Wien und der Central European University (CEU) tätige Anthropologe Ivan Rajkovic griff in seinem auf Feldforschungen in Serbien beruhenden Beitrag auf, wie dort alte Bauern einst als Repräsentanten hergebrachter Verhältnisse galten, die dem sozialistischen Fortschritt Platz machen müssten. Nun wurden sie umgekehrt in einer Protestbewegung gegen ein Staudammprojekt zu Ikonen der Bewahrung lebendiger Dorfgemeinschaften und eines nachhaltigen Naturverhältnisses gemacht. Bei den Versammlungen kamen sie trotzdem nicht ans Mikrofon, da diese vor allem von Städtern mittleren Alters organisiert wurden.
Das Gespräch zwischen dem ehemaligen ifk-Direktor Thomas Macho, der Librettistin Kristine Tornquist und dem Komponisten Jury Everhartz über die Kammeroper Abendsonne thematisierte schließlich auch gerontokratische Strukturen und das hohe Gewicht von Pensionisteninteressen in Gegenwartsdemokratien. Die Oper handelt vom ehemaligen Arzt Büxenstein, einem 79-jährigen Bewohner der Seniorenresidenz Abendsonne, der durch eine Krebsdiagnose davon erfährt, dass ihm nur noch wenig Zeit bleibt.
Nachdem ihm eine Mitbewohnerin erzählt, man könne noch einmal leben, wenn im Augenblick des Todes ein junges Paar im Nebenzimmer ein Kind zeugt, versucht er mithilfe anderer Heimbewohner ein Verhältnis zwischen den Pflegekräften Mira und Mirko zu arrangieren, um als deren Kind wiedergeboren zu werden - und vermacht sich dazu gleich noch sein eigenes Vermögen per Testament.
Die Oper thematisiert den Blick, den die verschiedenen Generationen aufeinander haben - und scheut sich dabei nicht, auch die Ressentiments des Alters gegen die Jugend zu zeigen, etwa wenn Büxenstein singt: Wenn ich noch jung wär', ich würd' viel besser jung sein / viel besser als die Jungen, die von Jugend nichts verstehen. Damit persifliert Abendsonne die Unfähigkeit, die eigene Endlichkeit zu akzeptieren, die heutzutage gerade auch von Techmilliardären an den Tag gelegt wird. Zeugnis dafür sind deren horrende Ausgaben für lebensverlängernde Therapien, Experimente mit Gefrierkonservierung und Unsterblichkeitsfantasien als digitalisiertes Bewusstsein.
Macho verwies demgegenüber darauf, dass in der antiken Literatur Odysseus und andere Figuren immer wieder das Angebot der Unsterblichkeit abgelehnt haben. Wenn die Götter den Menschen überhaupt etwas neideten, so Macho, dann ihre Endlichkeit, die ihnen Erfahrungen der Liebe, des Rausches, der Unersetzlichkeit des einzelnen Moments ermögliche, die es in der endlosen Wiederholung des ewigen Lebens nicht geben könne.
































