terz - 15. September 2011, Andreas Karl

Gegen die Zeit - Uraufführung der Kammeroper "Türkenkind"

Nur wenige Tage nach dem Ende des Musiktheaterfestivals alf laila wa laila, setzt das sirene Operntheater rund um Kristine Tornquist und Jury Everhartz ihre Reise in die Symbole, Traditionen und Projektionen des arabischen Kulturraums fort. Eine weitere Kammeroper stand am Programm – Türkenkind. Komponiert von Wolfram Wagner nach einem Libretto von Kristine Tornquist, die auch die Regie führte. Das Libretto ist ein sehr konzentriertes Extrakt aus dem Buch „Maria Theresias Türkenkind“ der österreichischen Kulturwissenschaftlerin und 18. Jhdt. Spezialistin Irène Montjoye. 9 Bilder, von 1803 rückwärts, zuerst ein großer Sprung in die 1740er Jahre, in denen sich ein Großteil der Bilder zeitlich aufhält, dann in kleinen Schritten Jahr für Jahr zurück, bis in die Kindheit, die so eine Wahrnehmung noch nicht kennt, und auch Orte noch nicht in Kategorien, wie es die Geschichte tut, einteilt. 9 Stationen des Lebens der Anna Maria Regina (Mezzo-Sopran Nina Plangg – Erzählerin und aktive Figur zugleich) rückwärts erzählt – in knappen, konzentrierten Bildern einer Entführten, einer Versklavten, einer Fliehenden, einer Reisenden, einem Mitglied der Monarchie. Die Umkehr der Reihenfolge in der Erzählung der Geschichte der Anna Maria ist zentral für den Abend, für das Bühnengeschehen, die Musik, aber auch für das Verständnis der Figur und deren Geschichte in diesem Stück (Das Stück wählt ja bewusst einen anderen Zugang als das Buch). Von alf laila wa laila zu Türkenkind fand ein ganz bemerkenswerter Schritt statt, ein sensiblerer Umgang mit unseren Vorstellungen vom Orient, formuliert von Irène Montjoye im Programmheft und von Kristine Tornquist und Wolfram Wagner auch gelungen in das Stück übertragen. Der Oud (eine arabische Laute) fungiert hier nicht als Projektionsfläche, sondern als Andeutung einer anderen Sprache und Kultur. Eine Romantisierung schwebt im Hintergrund immer noch mit, aber nur sehr dunkel, und so ein Schatten schadet keineswegs, sondern kann von Vorteil sein und etwas Magie entstehen lassen. So sind die orientalischen Skalen sehr subtil in den Satz eingeflossen und haben in den wenigen Momenten, wo sie merkbar hörbar werden, mehr eine tragende als eine melodisch vordergründige Funktion. Die Musik erzeugte mit wenigen Mitteln schnell ihre eigenen sprachlichen Wendungen und definierte sich mit Einsatz des gesamten Ensembles endgültig stilistisch selbst – in einigen Momenten erinnerte sie in ihrer Dynamik und ihren Wiederholungsmustern aber doch sehr an Michael Nyman, so etwa im 2. Bild (1747) in der Hochzeitssequenz.
Nina Plangg überzeugte über den gesamten Text hinweg, schauspielerisch wie stimmlich – so fügte sich auch der etwas schwächere Beginn, im Nachhinein betrachtet, nahtlos in das dramaturgische Konzept ein. Analog zur Figur der Anna Maria Regina, die sich in die Jugend zurück singt, gewinnt auch das Ensemble mehr an Agilität – Satz für Satz. Die Studierenden der MDW gleiten gemeinsam mit Jury Everhartz sicher und akkurat durch das ganze Stück. Tornquist deutete die Jahressprünge von Bild zu Bild jeweils mit einfachen und charmanten Bildern an. Auffallend auch die Detailverliebtheit der Inszenierung, wenn etwa im Jahre 1746 Anna Maria, in einem Buch blätternd, Seiten vorfindet, die jeweils mit den Anfangsbuchstaben einiger wichtiger Stichworte ihrer sich zurückerinnernden Gedanken versehen sind. Einen Gewinn für den ganzen Abend stellen auch die beiden helfenden, sich punktgenau bewegenden „Engel“ dar (Daniel Mavambu Biba und Anderson Pinheiro da Silva – stumme Rollen). Punktgenau im Gestus und im Timing war ohnehin die gesamte Inszenierung, die sich mit wenig Materialaufwand ganz auf Nina Plangg konzentrierte. Ein kurzer, dramaturgisch sehr gut konstruierter Abend, mit guten Interpretinnen und einer Musik, die sich manchmal zu sehr zurücknahm, aber dem Narrativ und Bühnengeschehen dennoch ungemein zutragend war.

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