Franz Kapfer: Trophäen

Hoch oben auf der Spanischen Hofreitschule thronen vier Trophäen, ausgestattet mit Insignien, die den Feind erkennen lassen. Orientalischer Kopfschmuck und Tracht, Säbel, Speere und Kanonen, drapiert als Sieges- und Beutezeichen.
Franz Kapfer fertigt plastische Skizzen dieser Trophäen und überträgt ihre Konturen auf einfache, kulissenhafte Gestelle, wobei die Vorderseite als Bildseite fungiert und die Rückseite die Konstruktion offenlegt. Seine Trophäen sind Protagonistinnen eines größeren Werkkomplexes, die unter Errettung des Christentums subsumiert werden. Franz Kapfer zielt mit seinen Installationen, Plastiken, Videos und Fotografien auf die Verstrickungen der österreichbildenden Geschichte. Ausgangspunkt ist dabei der Kampf der christlichen Nation gegen die muslimischen Türken.
Das Bild- und Skulpturenprogramm dieses Kampfes taucht in der österreichischen Geschichte in unterschiedlichen Zusammenhängen immer wieder auf bzw. wird für bestimmte politische Interessen immer wieder von Neuem instrumentalisiert. Habsburgermonarchie, Austrofaschismus und Nationalsozialismus sind die großen Eckpfeiler dieser Geschichte, deren Symbole in andauernden Bindungen präsent sind. Jahr für Jahr werden die Salzburger Festspiele unter dem Fresko Johann Michael Rottmayrs, das ein Türkenstechen zeigt, eröffnet. Die türkischen Sklaven, die im Oberen Belvedere in die Ecken des Deckenfreskos von Carlo Carlone gedrängt sind, oder eben die Trophäen, die in 30 Metern Höhe auf der Spanischen Hofreitschule prangen, sind gegenwärtig. Franz Kapfer verweist auf die latente Präsenz dieser gewalttätigen Zeichen, die heute in erster Linie als Kunst rezipiert werden, in einer Weise, als wäre es möglich, die politischen Bedingungen zu entschärfen.
Statt nun die Symbole von Überwältigung und Sieg von Neuem in Form zu gießen und damit manifest zu machen, arbeitet Franz Kapfer mit medialen Übersetzungen, die etwas Vorläufiges haben. Er verwendet einfache und billige Materialien, die jeglichen Repräsentationscharakter unterlaufen. Wichtiger als der Fingerzeig auf die verschliffene Wahrnehmung erscheint das Möglichkeitspotenzial der Geschichtsbildung und deren kritischer Befragung. Kapfer, aufgewachsen und erzogen mit und von einem Bildprogramm, das als „Bildspur eines militärischen Triumphes“ bezeichnet werden kann, wie es Karl Klambauer ausdrückt, setzt dieser Edukation Zeichen entgegen, die es ermöglichen, einen differenzierteren Blick auf die eigene Geschichte, die eigene Bildung zu werfen.
Darüber hinaus geht es aber um mehr. Kapfers Kritik bezieht sich auf jenes mediale Bildprogramm, das seit 9/11 zunehmend eingesetzt wird. Fotografien von gefolterten, sich vor Schmerzen krümmenden Menschen, von Gefangenen und Gefesselten werden in einer Weise als Feindbilder medial inszeniert, die an Überwältigungsstrategien, vergleichbar mit dem Barock denken lässt. Wie sehr es eines kritischen Bewusstseins im Umgang mit der medialen Bildsprache bedarf, wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass Tausende von Touristen an den Monumenten aus mehreren Jahrhunderten vorüberziehen, ohne mit der angesprochenen Gegenwärtigkeit konfrontiert zu werden. Schlösser, Klöster, Paläste und andere historische Stätten werden als Orte der Rückschau, als Potemkinsche Dörfer der Erinnerung inszeniert. Hinter den schönen Fassaden gäbe es aber weit mehr zu analysieren, zu debattieren, zu verhandeln und auszuhandeln, als es der gemeine Reiseführer zulässt.



Eva Maria Stadler (aus Husslein-Arco, Agnes (Hg.): tanzimat, Katalog anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Augarten Contemporary, Wien 2010. S.41)

Leihgeber: Belvedere, Wien