Siamesische Zwillinge zwischen Mysterium und Medizin

Eine Zygote. Eine Morula, erst 4, dann 8, dann 16, 32, 64 totopotente Zellen. Weiters eine Blastula, eine Blastozyste und dann die Keimscheibe. Ein erstes Blättchen. Eine Zukunft blättert sich auf, jeden Tag werden neue Details verzeichnet und neue Gleichungen erstellt. Ein Leben ist auf dem Weg, fährt im Boot seiner Menschenform von der Quelle des Styx auf dem anschwellenden Fluss vorwärts – guten Mutes Kapitän und Fracht des Lebens. Es muss am 14. Tag geschehen sein. Eine Blase bläht sich heraus, eins wird zwei. Ein Übermut des Wachstums? Oder ein kurzes Nein, das die Einheit entzweite.

Eineiige Zwillinge entstehen, wenn sich die befruchtete Eizelle in zwei vollständige und gleiche Teile teilt, aus denen sich im weiteren zwei genetisch idente Embryonen entwicklen. Läuft eine solche Teilung aber nach dem 13. Tag der Befruchtung nicht vollständig ab, bleiben die beiden Feten verbunden. Eine grosse Seltenheit - auf etwa eine Million lebend geborener Kinder kommt ein siamesisches Zwillingspaar.
Alle möglichen symmetrischen und asymmetrischen Formen, die diese misslunge Zwillingsteilung annehmen kann, sind etwa bereits auf babylonischen Keilschrifttafeln eingraviert. Aus dem Erscheinen bestimmter Missbildungen wurden Rückschlüsse auf Sternenkonstellationen gezogen. In der Antike vermutete man Traumata in der Schwangerschaft oder glaubte auch, die Missbildungen kämen zustande, weil die Schwangere etwas Erschreckendes oder Hässliches gesehen hätte. In vielen Kulturen wurden sie als Gotteszeichen gedeutet, im Europa der Renaissance war man hingegen schnell mit dem Verdacht bei der Hand, die unglückliche Mutter habe sich mit dem Teufel eingelassen oder zumindestens einen bösen Blick auf sich gezogen. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts wusste man jedenfalls keine Erklärung für diese "physica curiosa".
Den heutigen Namen trägt diese Form der Anomalie nach den thailändischen Zwillingen Eng und Chang Bunker, die nur an den unteren Rippen miteinander verbunden waren. Doch sie waren natürlich nicht der erste berühmte Fall. Die ältesten Zeugnisse in Europa sind die sogenannten Biddenden Maids, 1100 in England geboren, die vermutlich an den Hüften verwachsen waren. Die meisten siamesischen Zwillinge wurden als Monstrositäten durch Europa gefahren und auf Märkten gezeigt, im besten Fall konnten sie sich selbst vermarkten - wie etwa die Bunker Brüder.
Heute gibt es eine recht überschaubare Anzahl an siamesischen Zwillingen. Denn die pränatale Diagnostik führt fast prinzipiell zur Abtreibung. Nur wenige siamesische Zwillinge sind aus religiösen Gründen bewusst doch zur Welt gebracht worden.
Zwillinge, die in Ländern zur Welt kommen, in denen moderne Diagnosetechniken nicht flächendeckend eingesetzt sind, werden, wenn sie sich als überlebensfähig zeigen, gerne (als medizinische Teststrecken) bereits als Kleinstkinder auseinander operiert, selbst wenn klar ist, dass nur eines überleben wird. In England ist in einem Fall 2000 sogar gerichtlich eine solche Operation gegen den Willen der Eltern verfügt worden. Denn für die einzeln geborenen, solistisch denkenden Menschen ist es offenbar nicht vorstellbar, dass man auch zu zweit ein vollständiges Leben führen kann - wie zum Beispiel die Schwestern Reba und Lori Shapell, die seit fast 50 Jahren bei aller Verschiedenheit ein gemeinsames Leben führen.

Kristine Tornquist