Ozeanriese und Segelschiff

Die kleinen Dinge sind die allerwichtigsten. Sherlock Holmes

Immer im Zwiespalt zwischen riskantem Experiment und der hohen Kunst der Reduktion verfügt die Form der Miniatur doch über dramaturgische Regeln und Möglichkeiten, die denen der Grossen Form so gegenüberstehen wie ein wendiges Segelschiff einem Ozeanriesen.
An die Stelle langsamer Entwicklung und Vertiefung tritt die Erscheinung, damit eben auch die Form an sich, das rein Strukturelle. Die Miniatur muss nichts beweisen, sie behauptet und schlägt eine Richtung ein, noch ohne ein Ziel anzupeilen. Sie ist der Ort für das Experiment, für die Überraschung und für den Salto aus dem Stand. Ihr Reiz liegt in der Leichtigkeit, mit der eine dramatische Situation oder eine formale Idee angedeutet werden kann, in der Verschwendung einer Idee (bei gleichzeitiger Ökonomie der Form), in der Rasanz, mit der sie entwickelt und zugespitzt werden kann. Was an Differenziertheit verlorengeht, wird an Geheimnis gewonnen. Damit entfacht die Miniatur im Kopf des Lesers, Hörers, Zuschauers ein Feuerwerk an Assoziationen und Fortsetzungen.
Der komprimierte Raum einer Miniatur verweigert sich zwar nicht einer Geschichte, aber ihrer Ausdehnung. Einer schnellen Ankunft stehen im Allgemeinen Zeit und Raum gehörig im Weg. Wunderbar und revolutionär sind insofern die Erfindungen der Beschleunigung und der Abkürzung, für ganz Eilige lassen sie sich auch kombinieren. Und wenn man es eilig hat, muß man übertreiben. Kürze zwingt zur Pointiertheit, daher neigt die Miniatur traditionell zur Volte. Fast zwangsläufig entsteht damit schon ein Biotop des Absurden - nur in der Miniatur ist es nötig und auch möglich, mit einem kleinen Seitensprung schon auf den Mond zu geraten.

Es ist ein gewisser Geist der Kleinigkeiten (esprit des bagatelles), welcher eine Art von feinem Gefühl anzeigt, welches aber gerade auf das Gegenteil von dem Erhabenen abzielt.
Immanuel Kant

Natürlich ist die Miniatur ein Affront gegen das Grosse Werk. Sie behauptet, gewitzter zu sein. Sie schmückt sich mit dem Charme des Beiläufigen, Beiseitegesprochenen, so dass neben ihr das Grosse manchmal aufgeblasen erscheint. Doch selten hat sie in diesem Kräftemessen einen so ausgesuchten Platz wie als Intermezzo - inmitten des Erhabenen und Bedeutsamen, inmitten der Tragödie, inmitten des Dramas.
Versteht man das grosse Werk, die Oper, als therapeutische Sitzung oder als Bankett der Genüsse, bietet das Intermezzo dagegen nur das kleine Glück eines fröhlichen Geplauders, der spontanen Idee, der Anekdote. Intermezzi sind geradezu Beiläufigkeit als Programm. Sollen sie doch im Kopf des Zuschauers und -hörers bloss eine Pause eröffnen, eine Atempause, eine kurze Lüftung der heissgelaufenen Emotionen. Doch wie auch das Räuspern zwischen zwei bedeutsamen Sätzen hat auch das Intermezzo mehr als nur einen Zwischenraum zu bedeuten. Denn als Rückführung aus dem Erhabenen in das banale kleine Leben soll es den im Kunstrausch Schwebenden an den Boden erinnern, von dem er abgehoben ist. Dabei zeigt das Intermezzo, dass auch weit unter den kathartischen Gipfeln Leidenschaft, Beachtenswertes und Unterhaltendes gedeihen. Man wagt wieder zu atmen, hüstelt ungeniert, flüstert mit dem Sitznachbarn, entlässt den Körper aus der Anspannung und lässt den Geist baumeln.
Doch auch wenn sie die Funktion eines memento vitae haben, sind Intermezzi ausdrücklich dafür gemacht, nach Gebrauch wieder vergessen zu werden, nicht von Dauer, ganz Gegenwart. Und wie kann Gegenwart sich besser entfalten als in der Pause zwischen Vergangenheit und Zukunft? Dass sie dennoch nicht vergessen werden, ist ihr geheimer Triumph.

Kristine Tornquist