Türen machen Gäste - Herein!

Gast und Gastgeber begegnen sich im Ritual der Gastfreundschaft unter ungeschriebenen Pflichten, raumgreifenden Gastrechten und rätselhaften Geboten im lokal differierenden Reglement. Das ordnet eine Beziehung, die fast grundsätzlich labil und gefährdet ist.

Denn sie ist von Anfang an im Ungleichgewicht. Eine der beiden Parteien trägt die ganze Last der Bewirtung und Unterhaltung und der andern obliegt nur Genuss und Dank - in vielen Kulturen durch ein mehr oder weniger umfangreiches Gastgeschenk ausgedrückt. Doch letztlich erwartet der Gastgeber eine Revanche, bei der er selbst für sein Engagement belohnt und entschädigt wird. Die Gastlichkeit, die sich als der Ökonomie entzogen geriert, ist also in gewisser Weise auch ein Handel, der allerdings ohne Bestellung, Rechnung und Zahlschein unternommen wird und wohl gerade deshalb ein so heikles Feld ist. Denn nicht alles geschieht uneigennützig. Wie beim Schenken wird auch in der Gastlichkeit oft mit Misstrauen darauf geachtet, dass die Rechnung zuletzt zumindestens auf Null steht und keiner übervorteilt wird. Eine verstohlene Beschäftigung, die den Genuss für Gäste und Gastgeber empfindlich einschränkt! In der Bibel (1. Petr. 4, 9) wird dazu geraten: Seid gastfrei untereinander ohne Murren!

Wenn der Gast ankommt, ist er ein Fürst, wenn er sich setzt, ein Gefangener, wenn er geht, ein Dichter. Arabisches Sprichwort

Nur wer seinen eigenen Spass aus der Bewirtung von Gästen zieht, kann deshalb ein guter Gastgeber sein. So schrieb der Literaturkritiker Tschukowski über den leidenschaftlichen Gastgeber Tschechov: Er pflegte sehr energisch einzuladen, ohne auch nur einen Gedanken daran aufkommen zu lassen, daß es dem Eingeladenen vielleicht nicht möglich wäre, zu ihm zu kommen. Ich werde Sie unweigerlich an einem Strick zu mir schleifen, schrieb er an den Schriftsteller Schtscheglow. Die Mehrzahl seiner Einladungen fand tatsächlich mit der Fangschlinge statt: so sehr war in ihnen sein standhafter und keinen Widerspruch duldender Wille zu spüren.

Schriftstellern dienen Gäste möglicherweise auch als Forschungsobjekte frei Haus. Alfred Hitchcock erzählt in seiner Biografie von Einladungen, bei denen er in kleinen Inszenierungen seine Gäste boshaft prüfte. Über E.T.A. Hoffmann mutmasste sein Biograph Hitzig wiederum: Die Heiligkeit des Gastrechts ließ ihn manches geduldig ertragen, was ihm in der innersten Natur zuwider war, und genügte ihm der Geist nicht, der sich in seiner Gesellschaft entwickelte, so suchte er sich durch die Sorge für die leibliche Nahrung derselben zu zerstreuen, er nahm seiner Frau das Geschäft ab, den Salat, Kardinal oder Punsch zu machen, was er übrigens alles meisterhaft verstand. Mit andern Worten: wollten ihm seine Gäste nicht recht schmecken, so freute er sich wenigstens daran, wenn es ihnen recht schmeckte.

Eines der sieben Werke der Barmherzigkeit nennt die katholische Kirche die Gastfreundschaft. Über lange Zeit verpflichtete sie auch ihre Kirchenhäuser, einem Gast sogar gegen Recht und Justiz Schutz zu gewähren. Wenngleich sich das etwas verwässert hat, darf doch die Polizei im Haus des Herrn nach wie vor keine Verhaftungen vornehmen. Auch Judentum und Islam betrachten Gastfreundschaft als heilige Pflicht und Ehrensache. Der Reisende, Sohn des Weges, muss - so er rechten Glaubens ist - in der Moschee bewirtet werden, er erhält den Zakat - das gesetzlich vorgeschriebene Almosen - und darf in der Moschee nächtigen. In den Ritterromanen des Chretien de Troyes wird der Gast zwar erst noch im Zweikampf geprüft, dann jedoch nicht nur am üppigen Tisch, sondern danach sogar noch mit Liebesdiensten der Hausherrin bewirtet.

Das Wohl des Gastes ist die Pflicht des Gastgebers. Wie ein Kind wird er verwöhnt und man sieht ihm viel nach. Er soll sich wie zu Hause fühlen, heisst es - damit ist vor allem gemeint, er solle sich nicht scheuen zu geniessen. Das lässt James Boswell seine Figur Dr. Samuel Johnson in der gleichnamigen Geschichte trocken kommentieren: Wenn die Gäste sich wie zu Hause fühlen, hätten sie ja gleich zu Hause bleiben können.

Heute hat Gastlichkeit im privaten Rahmen eine ganz andere Bedeutung als in Zeiten, in denen diese die einzige Möglichkeit des Austausches darstellte. Kein Telefongespräch konnte den physischen Besuch ersetzen. Die Literatur ist deshalb voller Gastmähler und Besucher, denn sie waren der festliche Unterschied zum Alltag, sie brachten Unterhaltung und Neuigkeiten aus der Welt, Unruhe, Gefahren und erotische Verwirrung. Freilich braucht der offenherzige Gastgeber wenn schon keine Reichtümer, dann zumindestens ein Reich, das er seinen Gästen öffnen kann. In der modernen Singlewohnung lässt es sich nicht so leicht feiern wie in Schlössern und grossbürgerlichen Villen. Auch mit Brot und Salz allein, wie fast international Gastfreundschaft traditionell besiegelt wird, wird ein Gast nicht ganz zufriedenzustellen sein. Eine gewisse Grosszügigkeit, die nicht teuer sein muss, ist die Anmut des Gastgebers. In China etwa zeichnet sich ein guter Gastgeber dadurch aus, so üppig aufzutischen, dass mindestens die Hälfte der vorgesetzen Speisen übrig bleiben muss. Doch nicht nur kulinarische Freigiebigkeit gehört zur Gastgeberschaft, sondern auch Geduld und Zeit. Denn nichts ist unhöflicher, als selbst die Gastlichkeit zu beenden.

Besuch ist wie Regen; er muß nicht zu lange dauern. Bei langen Besuchen nimmt die Höflichkeit ab. Gast und Fisch stinken nach drei Tagen. Ein deutsches, ein chinesisches und ein jüdisches Sprichwort

Eine bohrende Frage stellt sich oft: wie lange darf der Gast bleiben? Was ist man ihm schuldig? Sicherheitshalber wurde das in manchen Kulturen geregelt. Im mittelalterlichen Irland musste dem Gast, ob geladen oder nicht, eine Nacht Gastrecht und Schutz gewährt werden, wenn nötig sogar unter Einsatz des eigenen Lebens, dann jedoch durfte man ihn wieder vor die Tür setzen, auch wenn es ihn das Leben kostete. Auch in den Steppen Asiens war diese Zeit der Verpflichtung mit drei Tagen und vier Stunden genau bemessen, wie auch im Europa der Völkerwanderung, als Gastrecht eine existentielle Notwendigkeit darstellte. Im 11. Jahrhundert galt, dass diejenigen, die zusammen übernachtet oder gegessen hätten, sich während einer Woche nichts Böses tun durften. Die Stadtrechte im Mittelalter geboten, den Gast zu schützen, ihm jedoch im Gegenzug sofort seine Waffen abzunehmen, denn der Gastgeber haftete für die Vergehen des Gastes. Stellte sich heraus, dass der Gast ein Räuber oder Schuldner war, war der Gastgeber verpflichtet, seinen Gast vor Gericht zu verteidigen. Gastfreundschaft war demnach nicht ohne Risiko - und doch war die Verweigerung der Gastgeberpflicht ehrenrührig, sie wurde wie Diebstahl bestraft. So heisst es auch im Koran: Wenn ihr bei Leuten ankommt, die euch das zukommen lassen, was dem Gast gewöhnlich zusteht, dann nehmet es an. Wenn sie das aber nicht tun, so nehmet von ihnen das, was das Gastrecht ausmacht.

Für uns heute hat Gastlichkeit die existentielle Bedeutung verloren und ist eine Konvention geworden, in der von beiden Seiten bloss verlangt wird, höflich und gutgelaunt zu sein, nicht mehr - ein privater Luxus, eine wohltuende Pause in der allumfassenden Ökonomisierung und Funktionalisierung des Lebens. Der gute Gast bringt eine Flasche Wein mit, hört zu, geniesst lautstark und hat ein gutes Gespür für die Nerven des Gastgebers. Ein leichtes Spiel.

Der Sinn in den Gebräuchen der Gastfreundschaft ist es, das Feindliche im Fremden zu lähmen. Friedrich Nietzsche

Die Notwendigkeit, an eine fremde Tür zu klopfen, um für eine Nacht oder auch länger um Unterkunft zu bitten, kennt im reichen Europa jedoch keiner mehr. Die Verstaatlichung der alten Gastfreundschaft in Sozialeinrichtungen und die Kommerzialisierung im Fremdenverkehr haben das alte Gastrecht obsolet und die Bitte um Aufnahme zur Bettelei gemacht. Nur Flüchtlinge müssen noch darauf hoffen, aufgenommen zu werden nach der alten Regel, dass man einem Klopfenden das Haus öffnet. Der Traum von der Gastfreundschaft sowie die Traumata des überforderten oder unfreiwilligen Gastgebers verweisen in diesem Sinne symbolisch auf die Herausforderungen, die es im grösseren politischen Rahmen in einer Zeit offener oder zu öffnender Grenzen zu lösen gilt - das Asylrecht. Der Fremde - und daher kommt etymologisch unser Wort Gast - ist leichter durch eine gut geübte Gastfreundschaft als durch verpanzerte Türen zu besiegen - indem aus dem Fremden ein Freund gemacht wird.

Kristine Tornquist