Drei Geschichten aus dem Krankenhaus

Hybris - Nemesis - Soma

Drei Geschichten erzählen von Ärzten, Patienten und Pflegepersonal an drei Stationen eines modernen Krankenhauses und führen durch die Kampfzonen der Medizin. Soma, Hybris und Nemesis thematisieren einerseits bekannte Topoi der medizinischen Ethik - den Organhandel, die uneindeutige Grenze zwischen Leben und Tod, die Unbarmherzigkeit des Krankenhausalltags, erforschen andererseits aber an diesem Ort des Physischen auch die Grenzen zur Metaphysik.
Die Natur ist nicht rational. Die Natur ist das wildwuchernde hochkomplexe Gegenüber des einfachen menschlichen Ordnungsraumes Ratio. Die europäische Schulmedizin, die der Wissenschaftstradition der Aufklärung folgt, begreift die Natur einerseits als ihr zu vermessendes Material, vor allem aber auch als ihren Widersacher und Gegner. So stellt sich die Beziehung von Arzt und Patienten gerne dar wie die zwischen Geist und Körper oder Bewusstsein und Unbewusstsein. Der überlegene Geist soll siegen über einen defizitären Körper, das lichte Bewusste das Dunkel des Körperinneren ausleuchten und aufklären. Das allzu Natürliche wird entfernt und reguliert. Obwohl das 20. Jahrhundert allen Wissenschaften viel von ihrer Euphorie und ihrem Übermut abgeräumt hat, hält sich in der Medizin das Bild des apollinischen Kämpfers gegen die Natur notgedrungen noch immer, denn in der Not wird jede Fortschrittsskepsis vom Irrationalen der Hoffnung, dem Irrationalen der Ängste, dem Irrationalen des Abscheus und des Mitgefühls fortgespült. Wer in Not ist, will um jeden Preis an den Retter glauben. Was bleibt ihm auch andres übrig?
Irrational wird die Medizin selbst, wo sie sich zum Fürsprecher der Hoffnung macht - einer Hoffnung auf ewiges Leben und der uneingeschränkten Leistungskraft. Ihr bestes Geschäft machen Pharmafirmen und Ärzte mit Versprechen, die sie nicht halten können, mit den Ängsten der Gesunden, mit der Hoffnung der Kranken, mit der Sehnsucht nach einem anderen Körper. Mit der Figur Prof. Jessing gesagt: Die hoffnungslosen Fälle brauchen am meisten Hoffnung. Denn Hoffnung braucht das Unglück, um sich damit aufzublasen. Umso mehr sie verspricht, umso weniger kann sie halten. Umso weniger sie halten kann, umso mehr verspricht sie. So treibt sie das Unglück, gegen das sie wirkt, noch an. In der Medizin ist die Hoffnung ein Gift. Wie jedes Gift zugleich ein wirksames Medikament. Das Irrationale ist ein wesentlicher Teil der medizinischen Ratio.
Das macht das Krankenhaus zu einem Schauplatz grosser Tragödien, denn hinter der klinisch reinen Oberfläche lauern nicht nur die Monstren der Natur – die Viren, die Bakterien, das verschlingende Wachstum – sondern auch das Irrationale der Psyche, die unter Druck gerät. Hier begegnen sich das Physische und das Spirituelle unter den Bedingungen einer Mechanikerwerkstatt - brutale Kontraste also, die in den Beteiligten das Roheste und Feinste herausschälen. Während der Patient seine existentielle Krise erlebt und an den Arzt den Anspruch stellt, unfehlbar, unermüdlich und emphatisch zu sein, muss der Arzt, der seinem Handwerk, seiner Arbeit am Körperobjekt des Patienten nachgeht, sich schützen vor zu hohen Ansprüchen. Den Patienten widerum müsste er schützen vor der ökonomischen Ratio.
Die Medizin entspricht der Gesellschaft, in der sie wirkt. Seit es kein spirituelles System mehr gibt, das imstande ist, die Gewalten der Natur und des Lebens einzuordnen und zu entschuldigen, verlangt die gesellschaftliche Ratio, dass jeder einzelne für sein Glück selbst verantwortlich bzw. schuld an seinem Unglück ist. Mit Susan Sonntag gesagt: Patienten, denen man er klärt, daß sie unwissenderweise ihre eigene Krankheit verursacht haben, lässt man auch fühlen, daß sie sie verdienen. Doch die Natur spielt da nicht mit. Sie wird immer Fortuna spielen und Gesundheit, Schönheit und hohes Alter verteilen und nehmen, wie sie will, sie wird niemals gerecht und auf unsere Weise berechenbar sein, damit müssen wir uns – jenseits aller Erfolge der Medizin – abfinden.
Und doch sind wir auf sehr unpersönliche Weise aufgehoben in dieser Natur, die uns auf ihrem Humus eine kurze Zeit lang gedeihen lässt. In den Libretti habe ich die Welt der Ärzte der Natur gegenübergestellt: in dieser Natur ist, was uns Einzelnen Schicksal oder Schuld erscheint, nur ein Standfoto im ewigen organischen Prozess des Wachstums, das sich blind, aber unaufhaltsam weiter fort bewegt, wandelt und verändert und mit dem Tod den Humus für das Leben schafft. Das ist die Ratio der Natur, die wir – irrational – beklagen.
Diese unveränderlichen Bedingungen des Lebens sind einerseits die Tragödie des Menschen, den sein Bewusstsein zum Träumen und Hoffen, zur Verneinung befähigt und verdammt. Und andererseits ist es auch die Quelle seiner Befähigung zur Kunst, aus dieser Tragödie Trost zu ziehen.

Kristine Tornquist