Der Neue Merker, 15.06.2008, Klaus Billand

WIEN/Jugendstiltheater am Steinhof: DAS TAGEBUCH DER ANNE FRANK am 15. Juni 2008


Das sirene Operntheater Wien setzte im Juni seine innovative Aufführungsserie relativ wenig gespielter Kammeropern fort, und zwar mit dem Opernmonodram „Das Tagebuch der Anne Frank“ des 1915 in St. Petersburg geborenen russischen Komponisten Grigori Frid. Er hat sich auch als Maler und Schriftsteller einen Namen gemacht. Als Sohn eines Literaturjournalisten und einer Pianistin war Frid mit seiner Familie selbst immer wieder auf der politischen Flucht und floh 1927 gar nach Sibirien, wohin sein Vater verbannt war. Ein Grossteil seiner Angehörigen kam unter Stalins Schreckensherrschaft ums Leben. So lag ihm das Schicksal der jungen Anneliese Marie Frank, kurz Anne Frank, besonders nahe. Im Juni 1929 in Frankfurt am Main geboren, lebte sie als Mitglied einer jüdischen Familie in einem Hinterhofversteck eines Amsterdamer Mehrfamilienhauses am Merwedeplein von Juli 1942 bis zu ihrer Verhaftung durch die Gestapo im August 1944. Sie kam im März 1945 im Vernichtungslager Bergen-Belsen ums Leben. Eine Freundin der Familie, Miep Gies, hatte das Tagebuch unter den Hinterlassenschaften der Familie gefunden und es gleich nach dem Krieg Annes Vater Otto Frank, dem einzigen Überlebenden, übergeben. Er brachte es 1947 als „Tagebuch der Anne Frank“ zum ersten Mal heraus, in einer ins Niederländische übersetzten Ausgabe, und wollte darin Anne als Inkarnation „des Menschen“ schlechthin sehen. Deshalb hatte er sich später mit dem jüdisch-amerikanischen Schriftsteller Meyer Levin überworfen, der nach der Lektüre der französischen Fassung des Buches 1949 die Dramatisierung einer Bühnenfassung anbot, Anne Frank aber als Inkarnation der jüdischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts auf die Bühne bringen wollte.
Grigori Frid hat Anne Franks Tagebuch als ein „bleibend aktuelles, philosophisches und zuriefst ethisches Werk“ charakterisiert. „Das Wichtigste war, kein Wort am Text zu ändern, nichts hinzuzudenken, aber aus der Montage der Episoden die Dramaturgie aufzubauen. So begierig war ich darauf, die Musik zu machen, dass ich an dem Abend, an dem ich die erste Libretto-Seite fertig hatte, sofort die Noten dazu geschrieben habe.“ 1969 schrieb er das Opernmonodram für eine Sängerin, eine Sopranistin. Ulrike Patow besorgte damals die Textzusammenstellung aus dem Tagebuch.
Wir erleben im weiten und bis auf einen Schrank, einen Tisch und eine Stellwand völlig leeren Saal des Jugendstiltheaters am Steinhof (Bühne Jakob Scheid) 21 Szenen, in denen wir die junge Sopranistin Nina Maria Plangg als Anne Frank bei ihrem Alltag im Schrankversteck begleiten. Unter der musikalischen Leitung des Berliner Komponisten und Dirigenten Jury Everhartz spielen die neun Musiker des ensemble sirene, Ines Nowak, Violine; Elisabeth Taschner, Violoncello; Rudolf Görnet Jr., Kontrabass; Claudia Schiske, Flöte; Barbara Schuch, Klarinette; Angelika Vladar, Fagott; Paul Rintelen, Trompete; Kyoko Yoshizawa, Klavier und Celesta sowie Kevan Teherani, Schlagwerk. Frid, der sich mit 55 Jahren der Zwölfton-Musik zuwandte und andere moderne Kompositionstechniken der Zeit übernahm, zeichnet den Gemüts- und Seelenzustand von Anne Frank mit klar konturierten musikalischen Themen, wobei viele Elemente der Moderne der 1950er und 60er Jahre einfließen und hörbar sind.
Es beginnt sofort mit einem jähen Aufschrei des Orchesters, welches so die Dramatik und Ausweglosigkeit der Hauptdarstellerin mit einem Schlag in Erinnerung ruft. Später werden immer wieder von Einzelinstrumenten vorgetragene Melodielinien verwendet, um bestimmte Stimmungen zu untermalen oder zu verstärken. Manchmal werden solche Linien auch nur angedeutet oder jäh abgebrochen, was den psychologischen Gehalt der Musik stark erhöht. Auch wird viel mit Pausen und Stille gearbeitet. In einem gewissen Gegensatz zum häufig erratischen Charakter der Musik steht der über weite Strecken beruhigend wirkende Gesang von Nina Maria Plangg, die so die Zuversicht und das positive Denken der jungen Anne glaubhaft ausstrahlt. Es ist im wesentlichen ein Sprechgesang. Sie intoniert ihr farbiges Timbre mit bester Phrasierung und Diktion und verfügt auch über eine gute Tiefe. Dazu kommt eine bestechend authentische Darstellung dieses Einzelschicksals. Man ist erschüttert, wie man das Mädchen in dem Schrank dahin vegetieren sieht, immer wieder dem Rhythmus „Langeweile, Angst und Hoffnung“ folgend. Eine regelmäßig wiederkehrende Betätigung ist das „Kartoffel schälen“. Ansonsten bleibt nur der Gang zur Uhr, die von Szene zu Szene weitergedreht wird.
Erst erzählt sie naiv von ihrem Geburtstag, an dem sie unter den Geschenken das so geliebte Tagebuch fand. Über einige banale Schulerlebnisse und ein Gespräch mit dem Vater kommt dann eine Szene über dessen Vorladung zur Gestapo. Anne ergreift für einen Moment wild und verängstigt die Flucht. Dann immer wieder Anspielungen auf das Versteck, die Westerturmglocke, die Anne gar nicht stört, und dass es für sie nichts Schöneres als den Blick aus dem Dachbodenfenster auf Amsterdam und die alte Kastanie gibt. Hier steigt sie manchmal hinauf „um Luft zu holen.“ Dazwischen immer wieder dunkle Verzweiflung, die auch musikalisch schlüssig thematisiert wird. Rührend ihre Gedanken an Peter, wohl das Erwachen der ersten zarten Liebe, und ihr Vergessenmachen allen Kummers durch den Glauben an das Wunderbare, das außer ihm noch auf der Welt existiert. „Denn allen Menschen bleibt stets das Schöne erhalten: die Natur, die Sonne, die Freiheit…“
Irgendwie wird mit dieser Dramaturgie die ganze Trostlosigkeit und Schärfe der existenziellen Bedrohung Annes nur indirekt wahrnehmbar, denn die Grausamkeit ihres Schicksals in Bergen-Belsen wird nicht angedeutet. Ganz passend schreibt die Regisseurin Kristine Tornquist im Programmheft dazu: „Die Wirklichkeit steht hier gegen die Kunst. Alles sträubt sich gegen eine Gestaltung. Eine solche Wirklichkeit verwehrt sich gegen Verkünstlichung, gegen eine sentimentale Reise in  vergangene Dramatik, gegen Instrumentalisierung. Das Schicksal des Mädchens Anne Frank ebenso wie das Millionen anderer Menschen steht so unberührbar in seiner Schrecklichkeit und Unfassbarkeit da, dass alles davor verstummen muss.“ Und „Das Publikum, die Zuschauer selbst sind mit ihrem vorausgreifenden Wissen der Schatten, der auf die Geschichte fällt. Im Theater heute ebenso wie damals in der Wirklichkeit.“ Mit diesem Gefühl habe ich auch an jenem Abend das Jugendstiltheater verlassen.

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