Die Kulturwoche, 11.5.2009 - Tristan Jorde

Nachts: Opernserie nach einem Roman von Leo Perutz

Neun Wochen lang kommt mit "Nachts" eine Opernserie nach einem Roman von Leo Perutz zur Aufführung. sirene Operntheater, Libretti von Kristine Tornquist, Konzept von Jury Everhartz, Ausstellungen kuratiert von Brigitte Felderer. Ab dem 22. Mai 2009, jeweils Freitag und Samstag in der ehemaligen Expedithalle der Ankerbrotfabrik.

Es tut sich was im wilden Favoriten. Im Niemandsland zwischen Bahntrasse, Südosttangente und dem Kinderspital. Ein Immobilieninvestor plant die Verwertung der historischen Ankerbrotgründe und wirft sich zur Wertkorrektur der eigenartigen Gegend aus Gemeindebau, Industriebrache und Hauptverkehrsader auch kulturell ins Zeug, die Stadt und der Bund tun da mit.
Und da kommt ein äußerst sympathisches Projekt daher, das nichts weniger vor hat, als die Wiederbelebung dieser augenscheinlichen Kulturpampa mit den witzigen, kurzweiligen Mitteln einer Serie aus 9 modernen Kurzopern umkränzt von einer sich wandelnden Ausstellung und Diskussionen mit Komponisten. Das bewährte Team von sireneOperntheater mit Kristine Tornquist (Libretto und Regie, gemeinsam mit Rainer Vierlinger) und dem "ensemble on_line" (bekannt durch zahlreiche Uraufführungen von Gegenwartskomponist/innen) zusammengeführt in einem Konzept des Komponisten Jury Everhartz.
Die Musik der 9 Abschnitte, von denen jeweils einer am Freitag und Samstag jeder Woche dieser Serie gezeigt werden stammt von Oskar Aichinger, Akos Banlaky, René Clemencic, François-Pierre Descamps, Christof Dienz, Lukas Haselböck, Paul Koutnik, Gernot Schedlberger und Wolfram Wagner. Als Stoff wird der Roman "Nachts unter der steinernen Brücke", der formal aus 14 unabhängigen Novellen besteht, eine Geschichte aus dem Prag des wunderbaren Leo Perutz von Kristine Tornquist in neun sing- und spielbare Textportionen zerlegt und adaptiert. Brigitte Felderer kuratiert die begleitende, sich ebenfalls im Wochenrhythmus wandelnde Ausstellung aus allerlei wunderliche Sammlungen (Schi, Makrostaub, Pilze...).
Wir dürfen also gespannt sein, wie sich dieses - im besten Sinne - bunte Allerlei zu einem pulsierenden, funkelnden Ganzen zusammenfügt. Ob sich in der ehemaligen Stätte des Brotbackens auch eine der Wunderkammern abbildet, die Leo Perutz so wehmütig beschreibt und die in früheren Zeiten, als uns PC, TV und Spielkonsole noch nicht drangsalierten, den Menschen (lange Zeit vornehmlich den Herrschern) Augen und Herzen zum Staunen öffneten.
Wir wünschen es diesem Projekt, dem brodelnden, kulturell unterversorgten Favoriten, der beeindruckenden Halle aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert, die die Historie von Kapitalismus, Streiks und Enteignung atmet, und dem Team von "Nachts", das mit Begeisterung und Einfühlung an diesem neunwöchigen Projekt arbeitet.

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