hudobný život, 7-8 2009, Vladimir Zvara
Prager Juden in einer Wiener Fabrik
Das weitläufige Areal der einhundertzwanzig Jahre alten „Ankerbrot-Fabrik“ ist zu dem geworden, wovon die meisten historischen Industriebauten in Bratislava nur träumen können: Die Fabrik wurde von einem Konsortium gekauft, das sich zum Ziel gesetzt hat, sie zu restaurieren, zu erhalten und sie in ein kulturelles Zentrum mit Galerien, Ateliers und Loftwohnungen zu verwandeln . Das Interesse ist gross. Bevor mit der Adaptierung des Areals für die geplanten Zwecke überhaupt begonnen werden konnte, hatte die Expedithalle der Fabrik bereits ihre ersten Opernfestspiele hinter sich.
Hier war die Adaption einfach: Praktische Tribünen für die Zuschauer, am gegenüberliegenden Ende des Saals eine Bühne für das Orchester – und in der Mitte eine leere Spielfläche. Das Set bestand aus einigen szenografischen Fragmenten und Requisiten. Es kann losgehen...
Von Mai bis Juli war die Expedithalle jede Woche Schauplatz einer Opernpremiere. Neun etwa einstündige Kammeropern wurden von neun in Österreich lebenden zeitgenössischen Komponisten im Auftrag des Veranstalters des Festivals – des Vereins sirene Operntheater – geschrieben. Die Libretti für den gesamten Zyklus wurden von Kristine Tornquist geschrieben, die auch alle Aufführungen inszenierte.
Das Libretto basierte auf Episoden aus dem historischen Roman des in Prag und Wien beheimateten jüdischen Autors Leo Perutz "Nachts unter der steinernen Brücke" (1951). Die Besucher des NACHTS-Festivals fanden sich im Prag des 16. und 17. Jahrhunderts wieder, zur Zeit von Kaiser Rudolf II., dem „Kaiser der Alchemisten und Astrologen“. Die Bühne wurde von historischen und fiktiven Figuren bevölkert. Zwischen den einzelnen Episoden zogen sich Fäden seltsamer, traumhafter oder mythologischer Zusammenhänge.
Der Librettistin gelang es, die Faszination für Perutz' Geschichten bei allen Beteiligten zu wecken: bei Komponisten, Interpreten und einem verständnisvollen, gemischten Publikum von etwa zweihundert Personen.
Rahmenhandlung war der erste, von René Clemencic vertonte Teil (Nachts unter der steinernen Brücke). Rabbi Löw (der legendäre Schöpfer des Golem) pflanzt unter der Karlsbrücke einen Rosmarinstrauch, in dem sich die Seelen von Kaiser Rudolf und seiner Geliebten, der schönen Jüdin Ester, jede Nacht der Liebe hingeben. Der kabbalistische Trick bringt jedoch Gottes Strafe – eine Cholera-Epidemie sucht die jüdische Stadt heim. Der Rabbi reisst schliesslich den Rosmarin wieder aus. In diesem Moment endet die Seuche, die schöne Esther stirbt, der Kaiser erwacht mit einem Schreckensschrei – und der Rabbi diskutiert mit dem Engel Asael über den Zusammenhang von Liebe und Unglück.
Neun Komponisten im Alter von dreissig bis etwa siebzig Jahren schrieben vielfältige und qualitativ unterschiedliche Musik. Die wohl ausgeprägtesten Qualitäten wiesen die Beiträge von Wolfram Wagner (Sarabande) und Christof Dienz (Gespräch der Hunde) auf. Gemeinsamer Nenner der neun Opern waren jedoch nicht nur die Libretti und die (imaginäre) Atmosphäre des alten Prags. Zwischen den älteren und jüngeren Autoren war kein abgrundtiefer Unterschied in der musikalisch-theatralischen Poetik zu spüren. Die Älteren (René Clemencic, Oskar Aichinger) erwiesen sich stellenweise als überraschend jugendlich, den jüngeren (Christof Dienz, Lukas Haselböck) waren wiederum radikalere Wege fern, wie sie bei uns beispielsweise Martin Burlas und Marek Piadek beschreiten. Glass oder Eötvös waren nicht zu hören. Der Komponist, an den ich mich wohl am meisten erinnert fühlte, war Kurt Weill.
Ein Besucher aus Bratislava muss sich schon darüber wundern, dass ein solch originelles und anspruchsvolles Projekt überhaupt realisiert werden konnte. Die zeitgenössische Oper ist ein Nischengenre, auch wenn sie in Wien doch wohl weniger ein Minderheitenprogramm ist als bei uns.
Eine Bereicherung waren auch die humorvollen bildnerisch-sammlerischen Ausstellungen und Installationen vor jeder Vorstellung (die Zuschauer sahen Sammlungen von Pilzen, Insekten, aber auch „Makrostaub“). Und absolut bewundernswert war die Professionalität der Interpreten – hervorragend ausgewählte und perfekt vorbereitete Sänger sowie das Orchester Ensemble on_line (Dirigent François-Pierre Descamps), dessen Arbeit mit den Leistungen unserer Opernensembles zu vergleichen ist.











































































