Die Türen

Tür auf und Tür zu. Das überschaubare Potential eines Tores ist auf die Drehung in der eigenen Angel beschränkt und wäre damit eigentlich ein Bild des hermetischen Narzissmus. Dass aber niemand diesen Eigensinn einer Tür bemerkt, zeigt das völliges Verschwinden des Gegenstandes Tür hinter seiner symbolischen Funktion und hinter der Projektionsfläche, die er bietet: mittels der Grenzscheide von drinnen und draussen definiert das Tor nämlich nicht nur den Gegenstand, den es öffnet oder verschliesst, (der Wortherkunft nach entspricht das deutsche Gatter dem englischen Gate, das Gatter meint aber im Deutschen die Umfriedung, die Umzäunung eines Weidelandes, während das englische Wort die ursprüngliche Bedeutung des Zutrittes dazu behalten hat) sondern erzählt auch symbolhaft eine Geschichte von der Veränderung im Moment der Transgression, von Transformation, wofür Dantes Bild vom Eingang zur Unterwelt ursprünglich Pate gestanden sein mag. Wie beim Sex, beim Eintritt in den anderen Körper, verspricht die dunkle Tür den Eintritt ins Unbekannte, in den dunklen Raum, von dem aus man ins Neue aufzubrechen vermag. Diese Idee hat einen eigenartigen Reiz, vor allem angesichts des etwas banal gewordenen Lichts der Aufklärung, des jederzeit erreichbaren Halbwissens um alles und jedes und dem schalen Geschmack des allzu Bekannten in News und Nachrichten. Nichts, was man nicht schon irgendwann gesehen oder gehört hätte. Und dabei hat die Musik des letzten Jahrhunderts ihre Identität vor allem genau in dem gefunden, was hinter der grünen Tür sein sollte: das Neue. Der Versuch der Definition des Unbekannten wurde nie aufgegeben und stand mit diesem inneren Widerspruch für das ungelöste Verhältnis von Freiheit und Vernunft.
Die xenophobische Furcht vor dem Neuen ist im Symbol der Tür mitangesprochen, Tore und Einlässe sind schliesslich auch Orte der persönlichen Kontrolle. Hier trifft man den Türhüter und den Torwächter, hier gibt es das Scheitern am verlorenen Schlüssel und am verbotenen Zutritt. Damit haben die Tore natürlich auch eine sozialpolitische Dimension. Die Idee von der schützenden Tür war im Mittelalter Urbild der Hölle, des geschlossensten aller Räume, den man betreten, aber nie mehr verlassen kann. Diese Tür kannte den ersten mythologischen Türhüter, den Pförtner Charon, der mehr als das Tor selbst für die Deutung der Türe stand. Das Paradies lag eher hinter der repräsentativen Tür, dem Tor zur grossen, heiligen Stadt, dem Triumphbogen, der die grosse Vergangenheit zu erzählen weiss und von da aus eine grosse Zukunft prophezeit. Dieser Türbogen sprengt die Grenzen, die das versperrbare Tor definiert. Seltsamerweise erfüllt eine offenstehende Tür ja ihre Bestimmung nicht. Nur geschlossene Türen schützen, vor Brand, Rauch, Schall oder Strahlen. Und vor dem Fremden, der sich ausweisen muss. Ein solches Grenztor wird von aussen betrachtet zur engen Pforte oder zum Nadelöhr, durch das man sich zwängen muss, zum Tor auf dem Fussballfeld, das man treffen muss, um zu gewinnen, es sei denn, man findet eine Schlupftüre, eine Tür im Tor.
Die dauerhafte Dialektik des Tores als Verbindendes und Trennendes, als selbst unsichtbare Grenzscheide, ist erzählt in der Geschichte der Nymphe Cardea. Diese machte sich ein Spiel mit ihren Verehrern, die sie vorausschickte zum Platz eines Stelldicheins, nur um ihnen zu entwischen, sobald diese sie wieder aus dem Auge liessen. Das gelang aber bei dem doppelgesichtigen Janus nicht, und so musste Cardea sich ihm ergeben. Janus verlieh ihr zum Dank die Herrschaft über die Schwellen, die Türscharniere und die Türgriffe. Janus ist Wächter der Himmelspforte, Beweger der Angeln des Weltalls, Aufschließer und Zuschließer des Himmels. Ursprünglich ein Licht- und Sonnengott wurde er erst allmählich zum Gott allen Ursprungs, des Anfangs und des Endes, der Ein- und Ausgänge, der Türen und der Tore, zum Vater aller Dinge, Quellen und Götter. Sein Name gehört zur gleichen Wortfamilie wie ianua, der lateinischen Bezeichnung für Tür und ianus für jeden unverschlossenen gewölbten Durchgang. Die Tore des Ianus blieben geöffnet, so lange sich Rom im Krieg befand und wurden geschlossen, wenn in allen Teilen des Reiches Friede herrschte.
Die geschlossene Tür, die das Geheimnis verspricht und verbirgt, garantierte den Frieden. Wir nehmen diese Tür in den Blick, wenn wir vier noch unbekannte Kurzopern aus den Einsendungen aus aller Welt auswählen und unter einem offenen Bogen zu einer dramatischen Einheit werden lassen.

Jury Everhartz