Sisifos auf dem Gipfel

Sisifus´ Tag beginnt auf dem Gipfel.
Die Luft ist klar und kein Hindernis stellt sich dem freien Blick in den Weg.
Mit der Linken hält Sisifus den Stein in Balance, und es lässt sich nicht unterscheiden, ob der Stein Sisifus stützt oder Sisifus den Stein.
Ein Idyll von Stein und Mensch.
Ausgebreitet liegen die Wünsche vor der Seele.
Noch sind keine Preise angeschrieben.
Den Fluchtversuch hat Sisifus immer nur am Gipfel gemacht.
Der Gipfel lädt zu grossen Gedanken ein, wenn der Himmel plötzlich so nahe kommt, das Tal fern aus dem Blick fällt und die Anstrengung ihr Ziel gefunden hat. Der Stein ist in Balance, ein Ergebnis ist da. Der Stein ist besiegt.
Sisifus streckt die Schultern, die Hand auf dem Stein,
stolz und von der Ferne, die von oben dunstig zu sehen ist, metaphysisch betrunken.
Daraus wächst Übermut. Die Höhe macht möglich, dass die Ferne ruft.
Vorsichtig festigt er seinen Tritt, zieht langsam die balancierende Hand vom Stein, verharrt die eine brennende Sekunde - und sprintet los. Ohne sich umzusehen, mit federnden Beinen, sich mit den Händen an den Felsen auffangend, teilweise im staubig verdorrten Gras rutschend, fast selbst
wie ein Stein rollt Sisifus davon.
Aber der Stein kommt nach.
Sisifus hört das schwere Kollern, spürt den Hang zittern,
Geröll spritzt auf, mit einer Leichtigkeit rollt er in die Tiefe, die beschämend ist.
Nun rennt Sisifus um sein Leben.
Zugleich mit dem Stein kommt er am Fuss des Berges an, in einer Mulde bleiben beide liegen.
Wieder ist die Flucht missglückt.
Wieder quält er sich und den Stein hoch.
Sisifus´ Stein ist immer gleichzeitig oben und unten. Man kann von einer schmerzlichen Balance sprechen. Am Gipfel zieht das Gewicht bereits dagegen, unten, in der Mulde, in der der Stein zur Ruhe gekommen ist, setzt Sisifus´ Plan ihn schon wieder nach oben. Wie ein elektromagnetischer Motor, der in der Spannung zweier Pole zur Rotation gebracht wird, wird Sisifus´ ewiger Tag angetrieben vom Kampf zwischen Sisifus und dem Stein.
Da Sisifus nie versucht hat, den Stein am Grund liegen zu lassen,
sich hinzusetzen und mit geschlossenen Augen der Sonne zuzuwenden,
ist nicht bewiesen,
ob er den Stein schieben muss oder ob er nur glaubt, es zu müssen.
So könnte sein, dass Sisifus seine entsetzliche Arbeit freiwillig tut.
Das macht es nicht leichter, sondern noch schwerer.
Das schwerste am Stein ist der freie Wille, der so frei ist wie der Stein, wenn er auch in die andre Richtung zeigt –
wie der Stein nach unten will, so will der Wille nach oben.
Den Göttern darf das keiner in die Schuhe schieben. Sie haben Sisifus´ Qualen nie eingefordert, das ist ein Missverständnis. Im Gegenteil ist Sisifus´ vergebliche Mühe ein Kampf gegen die Götter.
Dass der Stein oben auf der Spitze des Berges stehenbleiben soll, ist ein magischer Gedanke.
Denn wenn es gelänge, die Schwerkraft zu brechen
und oben zu halten, was unten sein will,
dann ist der Bann gebrochen,
der auf den Steinen und Menschen liegt und sie vom Himmel zu Boden zwingt.
Wenn der Stein erst oben bleibt, dann bin ich frei, denkt Sisifus,
und nicht nur ich.
Dann sind wir alle frei.

Je schneller der Stein ins Tal rast,
um so schneller will Sisifus ihn wieder hochtreiben,
als könnte er ihn eines Tages überholen.
Er sollte wissen, dass den Göttern sein Ehrgeiz gleich ist,
doch er hofft.
Er sollte wissen, dass die Götter das Hochtreiben des Steines nicht einfordern,
aber er hofft.
Zu stolz ist Sisifus, den Stein in der Grube liegen zu lassen,
als wäre er, Sisifus,
nie dagewesen.

Kristine Tornquist