Dolomiten – Tagblatt der Südtiroler, Nr. 270, 22. November 1997

Laaser "Hirlanda" in Wien

Das Laaser Mysterienspiel "Hirlanda" wird am 14. Mai 1998 in Wien anlässlich der Wiedereröffnung der renovierten Universitätskirche als Oper aufgeführt. Zwei österreichische Minister, der Präsident der österreichischen Akademie der Wissenschaften und hohe geistliche Würdenträger werden dem Festakt beiwohnen.
Am vergangenen 8. Jänner berichteten die Dolomiten über den Fund der "einzigartigen Handschrift" von Hirlanda. Damit wurde die Öffentlichkeit erstmals über dieses grossartige Kulturdenkmal informiert.
Das geistliche Volksschauspiel, dessen vollständiger Titel "Hierlanda. Durch falschheit zu feir verdamte unschuld" lautet, ist ein handgeshriebenes Buch, umfasst 388 Seiten und ist Eigentum der Volksbühne Laas.
Der Prader Kulturpublizist Toni Bernhart beschäftigt sich seit Jahren mit diesem Theaterstück. Ausführlich vorgestellt hat er es in einer Radiosendung, die im vergangenen Jänner vom Sender Bozen der RAI ausgestrahlt wurde. Am 30. April haben Schauspieler der Volksbühne Laas Auszüge aus der "Hirlanda" in einer szenischen Lesung dargestellt.
Hannes Pircher, ein gebürtiger Naturnser und Jesuit in Wien, wurde von Bernhart auf die Laaser "Hirlanda" aufmerksam gemacht. Für Pircher ist dieses Stück das ideale Werk, um die eben renovierte barocke Universitätskirche wiederzueröffnen, die sich am Ignaz-Seipel-Platz im Zentrum Wiens befindet und Eigentum der Wiener Jesuiten ist. Der Komponist Jury Everhartz wird die nicht überlieferte Musik zur "Hirlanda" neu schaffen und das Werk als Oper zur Aufführung bringen. Kristine Tornquist führt Regie, Hannes Pircher zeichnet für das Management verantwortllich.
Aufgeführt wurde die "Hirlanda" zum letzten Mal im Sommer 1791 in der Laaser St.-Markus-Kirche, die heute die Dorfsennerei ist. Niedergeschrieben hat das Stück der Laaser Johannes Udalricus von Federspill (1739 bis 1794). Er schöpft aus einer langen literarischen Tradition, die von der französischen Epik des späten Mittelalters über das lateinische Jesuitentheater bis ins schwäbische, bayerische, Tiroler und böhmische Volkstheater reicht. Fast immer sind die Spieltexte heute verloren oder nur sehr lückenhaft erhalten. Die Laaser "Hirlanda" ist bis auf wenige Seiten vollständig und stellt somit einen seltenen Glücksfall dar. Daher ist diese Handschrift nicht nur ein aussergewöhnliches Kulturdenkmal für das Dorf Laas, sondern auch international für die Forschung von Bedeutung.
Das Stück spielt im Jahre 1550 in der nordfranzösischen Stadt Rennes. Hirlandam Königin der Bretagne und Frau des Königs Artus, wird zahlreichen Intrigen ausgesetzt. In der Abwesenheit ihres Gatten nimmt man ihr unter dem Vorwand, sie habe ein hässliches Tier zur Welt gebracht, den Erstgeborenen weg. Sein Herz soll als Medizin und sein Blut als Heilbad für den englischen König geopfert werden. Hirlanda wird unschuldig der Untreue bezichtigt und zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Doch ihr Sohn ist von einem frommen Abt gerettet worden, so dass er - inzwischen ein stattlicher Prinz - im letzten Augenblick seine Mutter dem Tod entreissen kann.

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