Südtiroler Theaterzeitung, 3-4/1998, Hugo Seyr

Hirlanda - Eine Aufführung in der Universitätskirche Wien

Das Jahr 1791 ist theaterhistorisch ein bedeutsames Jahr.: In Wien wird Franz Grillparzer geboren, in Weimar übernimmt Johann Wolfgang von Goethe das Hoftheater, der Tod Gotthold Ephraim Lessings jährt sich zum zehnten Mal, in Moskau dämmert Reinhold Lenz dem Wahnsinnstod entgegen, und in der Markuskirche von Laas, der heutigen Sennerei, wird zwischen dem 7. August und dem 4. September, jeweils mittwochs und sonntags, achtmal das Schauspiel "Hirlanda" von Johannes Udalricus von Federspill aufgeführt. Der Autor ist Laaser, mit einer Baronin verheiratet, hat fünf Söhne, stirbt drei Jahre später an Lungenentzündung und wird in seinem Heimatort begraben. Johannes Udalricus von Federspill und seine Hirlanda gerieten in Vergessenheit. Erst in den letzten Jahren wurden sie durch eine Verkettung glücklicher Umstände wieder von dort hervorgeholt.
Es begann damit, dass Herbert Haas, von Beruf Geistlicher und heute Angestellter der bischöflichen Kurie in Bozen, im Besitz seiner Tante Franziska Kaaserer eine Handschrift mit dem Text eines Theaterstückes entdeckt. Franziska Kaaserer, eine gebürtige Laaserin, war viele Jahre hindurch Lehrerin in Schlanders, Ehrenbürgerin der Gemeinde und starb 1988 im Alter von 90 Jahren. Zweimal bemüht sich Herbert Haas vergeblich, in Innsbruck eine Expertise über die literarische Bedeutung und den historischen Wert des Manuskripts anfertigen zu lassen. Einziges Ergebnis: die Anfertigung einer nicht autorisierten Photokopie, die im Ferdinandeum einzusehen ist.
Das kostbare Original bleibt jahrelang in Innsbruck liegen, bis sich Hans Pircher dafür zu interessieren beginnt. Pircher kennt als Pfarrer von Laas (heute in St. Andrä bei Bozen) Herbert Haas als Aushilfspriester an Sonn- und Feiertagen. Selbst im Amateurtheater engagiert und Autor von Theaterstücken ahnt er, dass es mit dem knapp 400 Siten umfassenden Konvolut etwas Besonderes auf sich hat. Er lässt die in sorgfältiger Kurrentschrift beschriebenen losen Blätter binden, regt deren Schenkung an die Volksbühne Laas an und veranlasst ihre Aufbewahrung im Laaser Pfarrarchiv. Das nunmehr in Buchform vorliegende Manuskript enthält auf den Seiten 1-286 den Text der Comedie "Hirlanda" (wobei dieses Wort nicht als Komödie, sondern im ursprünglichen Sinne als Schauspiel mit gutem Ausgang zu verstehen ist), auf den Seiten 287-388 vier Zwischenspiele. Einige Blätter fehlen. 1989 wird erstmals auf der Rückseite eines Theaterzettels ein kurzer Textauszug veröffentlicht. Reaktionen bleiben aus.
1994 erfährt Toni Bernhart, der damals an der Universität Wien Germanistik und Theaterwissenschaften studierte, erstmals von "Hirlanda". Er transkribiert und photokopiert erstmals ein paar Seiten und zeigt sie seinen Professoren. Die Initialzündung aber kommt aus München und Innsbruck: Univ. Prof. Hans Pörnbacher und Dr. Ellen Hastaba vom Tiroler Landesmuseum stellen literarhistorisch-thematische Beziehungen her und weisen den Weg. 1996 ist die vollständige Transkription vollendet, umd am 30. April 1997 kommt es im Josefshaus von Laas zu einer szenischen Lesung.
Davon hört Hannes B. Pircher, aus Naturns stammend, Schulfreund von Mag. Bernhart und mit der Organisation der Festlichkeiten zum Abschluss der Renovierungsarbeiten an der Universitätskirche betrauter Jesuitenscholastiker. Seine Idee ist es, zum Anlass am 14. Mai 1998 nach mehr als 200 Jahren erstmals wieder das "Hirlanda"-Spiel aufzuführen. Es war mit Sicherheit die ungewöhnlichste Feier zur Wiedereröffnung eines restaurierten und renovierten Gotteshauses, die Wien je gesehen hat. Kein gregorianischer Choral, keine Missa Solemnis, kein Weihrauch und kein Weihwasser. Stattdessen das Spiel von der "durch falschheit zu feir verdamten unschuld". Dass die Rezeption dieser Art Festlichkeit Schwierigkeiten bereitete, beweisen jene Personen, die noch während der Vorstellung die Kirche verliessen.
In Abwesenheit ihres Mannes Artus, Herzog der Bretagne, fällt Hirlanda der Intrige des machtgierigen Schwagers Gerald zum Opfer. Er verstösst sie vom Schloss in Rennes und befiehtl, ihren eben geborenen Sohn zu töten: mit seinem Blut soll der König von England geheilt werden. Hirlanda verdingt sich irgendwo als Bauernmagd, ihr Sohn wird vom Abt Pertrandus gerettet und aufgezogen. Herzog Artus kehrt zurück, lässt seine Frau suchen und lebt wieder glücklich mit ihr vereint. Doch neuerdings bezichtigt sein Bruder Hirlanda des Ehebruchs. Diesmal verurteilt Artus sie zum Tode. Nur ein Gottesgericht kann sie noch retten, wenn nämlich ein tapferer Ritter den gefürchteten Fechter Filander im Zweikampf besiegt. Dies gelingt schliesslich einem unbekannten jungen Edelmann. Es ist Hirlandas und Artus' Sohn. Der Fürst verzichtet zu seinen Gunsten auf den Thron und will mit Hirlanda fortan ein Büsserleben führen.
Aber neben diesen irdischen Gestalten wirken auch jenseitige (musikalische) Figuren mit wie Christus, Hirlandas Seele, Maria, ein Engel, Luzifer und vier Teufel. Die Wiener Inszenierung verzichtete auf jede Rekonstruktion. Die verloren gegangenen Notationen der musikalischen Teile wurden ebenso neu komponiert, wie Bühnenelemente und Kostüme neu konzipiert und nicht nachempfunden worden sind. Gegenüber dem Original enthält die Strichfassung nur mehr etwa ein Zehntel des Textes. Dabei wurde nur auf redundante Teile und die derben Zwischenspiele verzichtet und nicht Zensur ausgeübt. Das Ergebnis war die akustisch, visuell und schauspielerisch vitale Inszenierung eines gegen alle Regeln der modernen Dramaturgie konzipierten barocken Theaterstücks. Im Sommer 1791 hatte es acht Aufführungen in der Markuskirche von Laas erlebt, mehr als 200 Jahre später ist es nun dreimal in der Wiener Jesuitenkirche gezeigt worden.
Die wissenschaftliche Edition der Laaser "Hirlanda"-Handschrift des Johannes Udalricus von Federspill wird derzeit vorbereitet und soll im nächsten Jahr erscheinen.

Andere Kritiken