Die Kulturwoche, 11.7.2009 - Tristan Jorde

Der Heinrich aus der Hölle - Die Premierenkritik


Der achte Abend im Zyklus "Nachts" des sirene Operntheaters, "Der Heinrich aus der Hölle", hatte eine Episode aus dem von Leo Perutz geschilderten und von Kristine Tornquist in ein Libretto gegossenen, mystisch verbrämten Leben des Habsburgers Rudolf II zur Handlung.
Er, der Kaiser, schläft schlecht. Albträume plagen ihn in seinem hochgestellten Bett. Dieses Bett mit angeschlossener Gemäldegalerie und Nachtkastl-Kuckucksuhr ist zu Beginn ein Blickfang in dieser mit sparsamen Mitteln gefällig gestalteten Bühne (Jakob Scheid) inmitten der überdimensionalen ehemaligen Auslieferungshalle. Dass man sich darin nicht völlig verliert, dafür sorgen Scheid und seine Kollegen Markus Kuscher (Kostüm, Renaissance aus Altstoffen) und Edgar Aichinger (Licht, sehr stimmungsvoll) mit einem gut abgestimmten Eingriff und umsichtiger Raumstruktur.
Also der Kaiser - rund um die Religionswirren der Reformation - sieht allerorten Höllengestalten, verwechselt seine engsten Höflinge mit Tagedieben und Gespenstern und ist in Summe so katholisch, wie sich das für einen bigotten Habsburger eben gehört. Auch wenn sein majestätisches Gemächt gemäldegleich frontal und um Aufmerksamkeit heischend drapiert ist. Im kaiserlichen Wahn rund um den wahren Glauben und den Abgrund der Hölle beleidigt er sogar den marokkanischen Gesandten, Parallelen zum heutigen Umgang mit der islamischen Welt drängen sich auf. Nur die in einer schönen szenischen Geste aufeinander zurollenden Herrscherteppiche samt darauf rollenden Monumentalgewändern lassen ein engeres Aufeinanderprallen der islamisch-grünen und kaiserlich-roten Welt nicht zu.
Dies alles in der Form einer frisch komponierten Oper. Das Orchester, mit Ausnahme des üppigen Schlagwerks, sparsam instrumentiert, aber dennoch mit feinen Akzenten, sehr emotional und stets die Geschichte unterfütternd, im Dirigat des zweifellos dicht und spannend arbeitenden Komponisten Gernot Schedlberger. Die Sänger/innen durchwegs genau in der Musik und auch szenisch immer wieder witzig anzusehen, zumal Männlein und Weiblein rollenunabhängig bunt durcheinander besetzt wurden. Die Schattenchoreographien in den ausladenden Zwischenspielen, wiegende Trippelschritte, meist vom Licht in blutrot getaucht, verstärken den mystischen, stellenweise gespenstischen Eindruck, den die engste Sphäre des habsburgischen Herrschens bietet. Am Schluss pflanzt sich die im Bass gesetzte Mutter Twaroch auf ein surreales Rübenmoped und die rote Gemüsefarbe lässt uns einmal mehr erschaudern und an den rechten Dingen zweifeln. Witz ist dabei, Mystik, schöne Musik und jede Menge Albträume. Ein feiner Abend.

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