Österreichische Musikzeitschrift, Oktober 2009, Rainer Hauptmann

Bemerkenswerte Initiativen. Schedlberger UA in der Brotfabrik

Im Rahmen des "Nachts"-Festivals brachte das sirene Operntheater vom 22.5. bis 18.7. Leo Perutz´ Roman "Nachts unter der Steinernen Brücke", verteilt auf neun Abende, in Form von einstündigen Kurzopern von neun in Wien arbeitenden Komponisten zur Aufführung. Als Bühne diente die denkmalgeschützte Expedithalle der Brotfabrik, welche durch ihre ansprechende Architektur ein einladendes Ambiente bot, auch für die parallel zu den Vorstellungen der neun Wunderkammeropern wechselnden "Ausstellungen", die Bezug nahmen auf die Sammelobsession der Romanhauptfigur Kaiser Rudolf II.
Am achten und somit vorletzten Abend stand Gernot Schedlbergers "Der Heinrich aus der Hölle" unter der musikalischen Leitung des Komponisten auf dem Programm. Schedlberger sprach dieser Stoff sofort an, da er - gespickt mit den leidenschaftlichen Gefühlsausbrüchen von Rudolf II. - von sich aus sehr opernhafte Züge aufweist, die fast automatisch musikalische Ideen in Gang setzten. Die Handlung der Kurzoper kreist um den albtraumgeplagten Kaiser; ihr auffälligstes Charakteristikum ist die raffinierte, farbenreiche Instrumentierung - die meisten Musiker spielen im Verlauf mehrere Instrumente -, mit der Schedlberger die genreimmanenten Schranken vergessen lässt und sich als Meister des fliessenden Übergangs in den vier ineinander übergehenden, durchkomponierten Szenen zeigt; mit überlagernden Klangflächen baut er so en miniature gewaltige Spannung auf. Ungefähr ein Drittel der Oper besteht aus Vor- und Zwischenspielen - gewiss die gelungensten Teile. Auch die ritualisierte Fanfarenmusik der Schlüsselszene, einer Audienz beim Kaiser, sowie ihre szenische Umsetzung mit grotesk grossen Prachtroben, welche die Transformation vom Menschen zum Amtsträger fast schon ironisch brachen, überzeugte, wie generell der Raum sehr geschickt genutzt wurde, auch wenn bei der Personenführung etwas mehr Feinschliff gut getan hätte (Regie: Kristine Tornquist, Bühne: Jakob Scheid). Das Sängerensemble überzeugte durchgehend, allen voran Rupert Bergmann als stimmgewaltiger Kaiser. Auch das ensemble on_line trug durch sein transparentes, diszipliniertes Spiel wesentlich zum Erfolg dieser kurzweiligen Aufführung bei, die vom Publikum mit viel Beifall belohnt wurde.

Andere Kritiken