Oper in Wien - 17. September 2011, Dominik Troger

Berührende Lebensgeschichte


Auf die Spurensuche ins Theresianische Zeitalter begibt sich eine Produktion im Schönbrunner Schlosstheater: Die Kammeroper über die Lebensgeschichte der Anna Maria Königin wird dort noch am 17. und 20. September gezeigt.
Die Internationale Sommerakademie Prag-Wien-Budapest (isa) der Universität für Musik und darstellende Kunst und das sirene Operntheater haben das Stück nach einer Idee von Irène Montjoye aus der Taufe gehoben. Das Libretto und die Regie stammen aus der Hand von Kristine Tornquist, die Musik wurde von Wolfram Wagner beigesteuert.
Anna Maria kam 1745 nach Wien, eine vierzehnjährige vom Orden der Trinitarier in Konstantinopel freigekaufte Sklavin. Sie wurde Adoptivkind von Maria Theresia, assimilierte sich, starb 1803. Ihre Lebensgeschichte wurde mündlich in der Familie überliefert – und jetzt ist eine etwa 70-minütige Kammeroper daraus geworden.
Die Handlung wird auf der Bühne als Rückblende erzählt, sie beginnt mit den Erinnerungen der alten Anna Maria im Jahre 1803. Diese Erinnerungen führen bis ins Jahr 1737 zurück. Irgendwo am Schwarzen Meer werden Anna Maria und ihre Schwester zu Vollwaisen, als ihre Eltern von der Pest dahingerafft werden. Dann wird Anna Maria verschleppt und als Sklavin verkauft. Das Werk ist als Monolog aufgebaut: Anna Maria erzählt – und das Publikum hört zu. Die Szenen reihen sich nahtlos aneinander, immer tiefer taucht man hinein in dieses Leben. Und wenn die Erinnerungen enden, dann weiß man, dass die alte Anna Maria verstorben ist.
Der überzeugende Eindruck, den die Aufführung hinterließ, speiste sich aus vier Komponenten: das Schlosstheater selbst, als architektonischer Zeuge jener Epoche, die stimmige Musik von Wolfram Wagner, die Sängerin Nina Plangg als „Türkenkind“, die treffende szenische Umsetzung.
Wolfram Wagner hat in seiner Komposition mehr das rezitativische Element betont. Man kann der Erzählung problemlos folgen – noch dazu, wenn eine so gut artikulierende Sängerin wie Nina Plangg auf der Bühne steht. Die Musik ertönt handlungsnah, stimmungsvoll oder dramatisch, in eine zeitlose Moderne gebracht und besitzt einen Anstrich von klassizistischer Klarheit. Diese geht nur in wenigen, emotional besonders erschütternden Momenten verloren. Die Szenen umflort da und dort orientalisches Kolorit. Wenn Anna Maria aus ihrer Sklavenzeit erzählt, erklingt eine kurze „türkische Arie“. Eine arabische Laute ergänzt das klassische Instrumentarium, vor allem mit solistischer Funktion. Insgesamt sind 13 Musiker „am Werk“.
Wagner und Plangg gewinnen das Publikum schon am Beginn, wenn sich zur Streichereinleitung die ersten Worte gesellen – und Anna Maria davon erzählt, dass sie den Tod erwartet. Höhepunkt ist das fünfte Bild, ein Umzug der befreiten Sklaven in Wien. Das Türkenkind preist seine Wohltäterin Maria Theresia. Regisseurin Kristine Tornquist „schickte“ an dieser Stelle Anna Maria von der Bühne in den Mittelgang des kleinen Zuschauerraumes. Sie verstreute Rosenblüten. Hier gesellte sich eine Emphase hinzu, die an dieser Spielstätte von besonders starker Wirkung war.
Die Kunst der Regie bestand darin, das auf eine Person konzentrierte Werk und die Abfolge kurzer Szenen ohne großen Aufwand an Mitteln in eine geschlossene, bühnengerechte Form zu bringen. Kristine Tornquist hat zur Auflockerung der Monolog-Situation Anna Maria noch zwei „Engel“ auf die Bühne gestellt, die als stumme Rollen mit ihr in Aktion treten, sie tragen, Requisiten bewegen, tanzen oder sie begleiten. Der historische „Rückschritt“ wurde durch Jahreszahlen angemerkt, die pointiert zum Beispiel auf einem Buchdeckel oder an Anna Marias Gewand angebracht waren. Solche kleinen Überraschungen belebten die Aufmerksamkeit des Publikums und sorgten zugleich für eine feine Prise an ironischer Distanz. Die Zeitreise wurde außerdem durch das Kostüm von Anna Maria verdeutlicht: Zuerst ein schwarzes, hochgeschlossenes, weit ausladendes Kleid, aus dem sich das Türkenkind schälte, um derart Szene für Szene, Schicht für Schicht abzutragen, um zuletzt in einem weißen, schlichten Gewande auf der Bühne zu stehen – Kleid eines Kindes ebenso wie Totenkleid für die Verstorbene.
Nina Plangg „verwandelte“ sich innerhalb von 70 Minuten von einer alten Frau in ein Kind. Ihr sopranheller Mezzo (2010 erfolgte ein Fachwechsel), ihre deutliche Aussprache, schufen den Erinnerungen Präsenz. Das Orchester unter Jury Everhartz hinterließ einen konzentrierten, wohleinstudierten Eindruck und begleitete die Sängerin mit viel Gefühl. Das Publikum im gut besuchten Schönbrunner Schlosstheater spendete viel Beifall.

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