Striptease der bärtigen Dame

Als das Ronacher 1888 mit einem üppigen internationalen Varieté-Programm eröffnet wurde, war unter all den Sängern, Keulenschwingern, Kunstreitern und Artisten Krao die Hauptattraktion, ein am ganzen Körper behaartes Mädchen. Nur unzulänglich konnten die pseudowissenschaftlichen Untersuchungen und Beobachtungen, die Krao über sich ergehen lassen musste, bemänteln, dass das eigentliche Interesse dem erotischen Aspekt der wilden, animalischen Frau galt und auch der Sicherheit, in der sich die Betrachter wiegten, selbst zivilisiert zu sein und weit über den haarigen Tieren zu stehen. Krao wurde als das missing link zwischen wilden Tieren, den Affen, und Menschen beworben und war für manchen Skandal gut, wenn einer der Forscher zu nah an sie herankam.
Krao war weder die einzige, noch die berühmteste aus der Schaubudentradition der bärtigen Damen, Affen- und Löwenmenschen. Schon Ariost liess 1532 in seinem Orlando Furioso „Wilde“ auftreten, die an „Gesicht und Brust, Hüften, Rücken, Arme und Beine mit Haaren wie wilde Tiere bedeckt“ waren. Davon inspiriert nahm Heinrich II Pedro Gonzales, einen behaarten Jungen, in seine Sammlung auf, in der sich Wunderliches von Hofzwergen bis zu wilden Tiere einverleibte und ankaufte. Ob nun aber an königlichen Höfen oder am Jahrmarkt: immer wurden die Haarmenschen als Zwitterwesen und wilde Tiere vorgeführt und aus einer eingebildeten Distanz roh belacht oder schwärmerisch bewundert. Stephan Bibrowsky, ein mit langen seidigen Haaren bewachsender Pole, frisierte sich die langen seidigen Haare zur Löwenmaske und trat als Lionel, der Löwenmensch auf, bei Barnum gastierte Jojo, der Pudelmensch und die vollbärtige Annie James. Berühmt war auch Julia Pastrana, die liebenswürdige und gebildete Mexikanerin, die Mitte des 19. Jahrhunderts mit einem schönen Mezzosopran und Gitarrespiel bezauberte und ihr Leben als „Affenfrau“ in Zirkusshows verlebte und endete. Sie starb knapp nach der Geburt ihres ebenso behaarten Kindes starb, in der Hoffnung, dass es makellos zur Welt kommen möge, enttäuscht. Heute weiss man, dass die sogenannten Wolfsmenschen unter einer seltenen Erbkrankheiten leiden - der Hypertrichose.
Julia Pastrana blieb auch über ihre Tod hinaus ein Schauobjekt: “Der trauernde Witwer liess den Leichnam seiner Gattin nicht unbenutzt. Wie jene Alten, welche die Mumien der geliebten Verstorbenen in ihren Heiligtümern aufstellten, liess er Frau und Kind mumifizieren (das Volk nannte es bezeichnend und kurzweg ‘ausstopfen’), und führte sie überall mit sich herum. Er liess aber alle Welt an seinem Schmerze teilnehmen, das heisst, er zeigte Frau und Kind in einem Glaskasten gegen ein Entrée von so und so viel. In einem rotseidenen Flitterkleidchen stand sie da, mit dem schrecklichen Leichengrinsen im Gesichte, ihr Kind in einem ebensolchen Flitterkleidchen auf einer Stange neben ihr, wie ein Papagei, und draußen strömte der Regen zwischen die Schaubuden des Wiener Praters herab, und ein wimmernder Wind umtoste das Zelt, und ich hatte tiefes, tiefes Mitleid mit diesem Leichnam, der doch nichts mehr hören und sehen konnte.” (Saltarino 1895)

Kristine Tornquist