Österreichische Musikzeitschrift, Jahrgang 71, Heft 1 2016, Lena Drazic

Real existierende Politkriminalität in Operngestalt


Perilkis Liakakis: Chodorkowski, Francois-Pierre Descamps (Musikalische Leitung), Kristine Tornquist (Inszenierung), Atelierhaus der Akademie der Bildenden Künste Wien (Uraufführung 20.11.). 
Vergangenen Herbst konnte man glauben, die Realpolitik habe schlussendlich das Wiener Musiktheater erreicht: Nach der im Rahmen von Wien Modern uraufgeführten satirischen Oper Whatever works von Manuela Kehrer und Arturo Fuentes war Chodorkowski die zweite Politsatire, die innerhalb weniger Wochen Wiens Opernbühnen ereilte. Wartete Erstere mit fiktiven Charakteren auf, so setzte die Neuproduktion des sirene Operntheaters auf Tatsachen: Der Oligarch Chodorkowski (Clemens Kölbl) wird als Gegenfigur zum KGB-Mann Putin in Szene gesetzt, wobei der Werdegang des Politikers im Aufstieg und Fall des Oligarchen einen narrativen Kontrapunkt erhält.
Für die Schilderung der postsowjetischen Goldgräberstimmung macht sich die Oper die Form der Schmierenkomödie zu eigen. Die Ausläufer des realen Sozialismus finden ihre Entsprechung im Gestus des Absurden. Zugespitzt erscheinen die beiden Antagonisten als prototypische Verkörperungen gegensätzlicher Machtprinzipien: hier Geld und Freiheit, dort Sicherheit und Staat. Die Überhöhung des Autokraten Putin zum Opernhelden kann vielleicht nur durch den Filter des Komischen gelingen: Ein Kunstwerk, das sich selbst nicht ganz ernst nimmt, braucht keine Scheu zu haben vor den Niederungen real existierender Politkriminalität.
Im Atelierhaus der Akademie der Bildenden Künste Wien (Semperdepot) gestaltet Librettistin und Regisseurin Kristine Tornquist im Bühnenbild von Andrea Költringer Stationen, die jeweils für kurze Zeit das Zentrum der Handlung bilden. Dabei lenkt die Regie die Aufmerksamkeit des Publikums gekonnt immer wieder von einer Station auf die andere und füllt zugleich den weiten Raum der Säulenhalle mit Leben.
Im zweiten Teil der Produktion, der von Chodorkowskis Sturz und Gefangenschaft berichtet, kommt der Erzählung jedoch ihre Leichtfüssigkeit abhanden. Ein Eindruck, der noch verstärkt wird durch die Musiksprache des Komponisten Periklis Liakakis: Dass unsympathische Aufsteigertypen wie Putin (Alexander Mayr) keinen Belcanto von sich geben, sondern schreien, bellen oder knödeln, mag hingehen. Doch während das Rote Orchester unter der Leitung des Komponisten eine vom Geschehen relativ unabhängige, ruhelose Klangkulisse zeichnet, vollziehen sich die wortreichen Dialoge in einem gleichförmigen Rezitationsstil, der sich zunehmend mühsam voranschleppt. Fazit: Ein guter Politkrimi in lediglich gut gemeinter Vertonung.

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