Hermes Phettberg, Gestion 1612, 29.11.2016

Am Die: 29:11:2016 gehen Sir eze und Hermes Phettberg zu "SOMA" von Kristine Tornquist und Christof Dienz in die Kammeroper!

Am Sonntag, dem 27. November um 20 Uhr brachte mich Sir eze ins sirene Operntheater, diesmal zu Gast in den Kammerspielen, Wien 1., Fleischmarkt 21. Ich finde ja generell (noch) keine Heimat in den Opern der Erde. Es sind ganz neue, in deutscher Sprache gesungene Texte, die sogar über der Bühne mitgelesen werden könnten, wenn meine Augen nicht so weit davon fliegen würden. Ein komplettes Ensemble eines Krankenhauses ist im Einsatz, um musikalisch die Misere der Krankenhäuser festzuhalten. Wie Walter Fröhlich mich als Witzbold festhält, komponiert das sirene Operntheater die Wichtig- und Witzigkeit der Ordinationen und der Krankenhäuser. Der erste Abend war der Sonntag, genannt "Soma" - dorthin brachte mich Sir eze. Am ersten Abend wetteten Krankenschwester und Chefarzt, was denn da auf sie zukäme. Und letzten Endes brachten Josef und Maria ein Kindlein, einen Knaben, zur Welt.
Und am Dienstag, 29.11.16, brachte mich Moritz Kienesberger hin, in den zweiten Teil, und das Stück hieß "Nemesis". Ein Patient mit Bart und Knochen drohte zu sterben. Doch der allerhöchste Professor verbat, zu versterben. Wenn das Publikum vorher schon gewusst hätte, wie schön und hoch es sich hinaufsteigen lässt! Es war so schön, aus den hinteren Rängen zuzuschauen, wie hoch hinauf der Patient hinaufschwebt. Weil die minderen Ränge der Belegschaft es dem Professor nicht gestattet haben, den Patienten versterben zu lassen. Doch sie haben es durchgesetzt, und der Patient entschwebt. Und der Professor tritt zurück. Der Diener und die "hinteren Ränge" konnten nicht zuschauen, wie der Mann leidet, der nicht mehr weiterleben wollte, und ließen ihn in Frieden hinwegscheiden. Moritz Kienesberger, mein Begleiter in die Oper, schrieb einen kleinen Aufsatz darüber, und den darf ich hierher einfügen. Herzlieb Roman & Markus, verwendet Moritzens Aufsatz, so weit ihr vermögt:

Nemesis – der zweite Teil der Hospital-Trilogie von Kristine Tornquist, aufgeführt in der Wiener Kammeroper. Als ein Stück beklemmenden Ausmaßes, so bietet die Geschichte Einblick in den auf Leistungsorientiertheit getrimmten Alltag der Lebensmaschinerie Krankenhaus, die letztendlich doch von Menschen getragen wird und zwar von denen ganz unten. Kernthema der Handlung ist der ziellose Größenwahn der Wissenschaft, in diesem Fall des Oberarztes Jessing, der einen eigentlich toten Menschen wieder ins Leben zurückreißen will. Dieser wird von Schläuchen, Kanülen und Pumpen zurückgehalten, man lässt ihn nicht gehen. Was wie die dunkle Kunst von Voodoo-Magiern scheint, ist hier Wissenschaft – einem Hirn- und Körpertoten Leben einzuhauchen. Doch Leben wird hier wirklich als ein bloßes „Leiben“ aufgefasst – dass so etwas unfassbares wie das „Lieben“ auch damit zu tun haben könnte, darauf kommt die Wissenschaft nicht. Vieles gibt es, von dem die moderne Naturwissenschaft keine Ahnung hat, und so wird sie auch nie alles lösen können – weil sie nicht alles weiß. So steht das Ärzteteam einem Zombie gegenüber, als der tote Körper die Augen öffnet und wieder aufrecht sitzen kann, doch sie bemerken es nicht, denn sie interessiert nur das Blutbild und die Reflexe. Bald stellt sich heraus, dass von Lebenslust keine Rede sein kann, wenn man schon durch das dunkkle Tal des Todes wandelte, schon gar nicht in dieser alles in allem viel zu düsteren Krankenhausatmosphäre. Doch sie haben ihr Ziel erreicht, die Wissenschaft hat gesiegt, der eigentlich Tote bewegt sich wieder. Das Personal begegnet dieser dunklen Aura des Todes, die vom Patienten El Azar ausgeht, auf ganz unterschiedliche Weise: mit gieriger Lebenslust, mit Arroganz, mit Verzweiflung oder aber mit der Einsicht, dass der Erweckte nicht in die Welt der Lebenden gehört. Es sind die kleine pakistanische Krankenschwester und der Mann, der die Böden schrubbt, welche den Wahnsinn erkennen, der hier vor sich geht und als einzige die nötigen Schritte unternehmen, zu denen sonst keiner bereit ist (hamdrahn/heimdrehen). Ein kleines, von der Wissenschaft behütetes helles Nest inmitten einer von dunklen Sumpfmangroven beherrschten Welt, da steht es, das Krankenbett, darauf der Komapatient El Azar. Eine Glocke ist daran befestigt, sie soll melden, falls sich der Patient bewegt. Als der Patient anfängt zu wixen, da erschellt sie, er hört sofort auf damit und liegt da. Im Gehirn: Flaute. Die Medikamente sind abgesetzt, er muss zurück ins Leben, doch wixen kann er nicht und so liegt er da. Moritz Kienesberger

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