16.11.2016, Wiener Zeitung, Lena Dražic

Handgestrickte Oper aus dem Familienbetrieb


Das sirene Operntheater bringt "Nemesis", Teil zwei der "Hospital"-Trilogie, in der Wiener Kammeroper zur Uraufführung.
Das Krankenhaus - Raum für endlose Fernsehdramen, für exzentrische Pflegerinnen, blutige Notfälle und zynische Doktoren. Raum - auch - für Musiktheater: 2014 verlegte Romeo Castellucci die Handlung des Gluckschen "Orfeo" vom Hades an das reale Krankenbett einer Wachkoma-Patientin.
Weniger provokant und realitätsnah, dafür komödiantischer nähert sich das sirene Operntheater dem Themenkomplex: Drei Musiktheaterabende in der Kammeroper werden vom gemeinsamen Titel ("Hospital") sowie den Libretti zusammengehalten, die sämtlich Kristine Tornquist verfasst hat. Trotz der Ernsthaftigkeit des Themas bewegt man sich auch in "Nemesis", dem zweiten Teil der Trilogie, auf der Ebene plakativer Typisierung. Wir befinden uns im Zimmer des Koma-Patienten El Azar, der von einer futuristisch anmutenden "Intensivmusikmaschine" (Paul Skrepek) am Leben erhalten wird. Ein hoffnungsloser Fall - und ein Anreiz für Professor Jessing, der eigenen Karriere Auftrieb zu verleihen. Der Primarius plant nämlich, den Patienten im Zuge eines öffentlichkeitswirksamen "Experiments" ins Leben zurückzuholen. Ein größenwahnsinniges Unterfangen, das schließlich am passiven Widerstand des Kranken und der Barmherzigkeit von Krankenschwester Sanjivani scheitert. Unter Mitwirkung des Hilfspflegers Heini wird der Lebensmüde dorthin zurückbefördert, wo er hingehört: ins Jenseits.
Der Traum von der Allmacht der Wissenschaft ist - so die Moral - Ausdruck der Selbstüberschätzung des Menschen, den die unberechenbare Natur in seine Schranken verweist. Damit aus der einfach gestrickten Geschichte eine Oper werde, wurde Hannes Löschel an Bord geholt. Der Allrounder ist in der Jazzszene ebenso zuhause wie in genre- und spartenübergreifenden Theater-, Lied- und Songprojekten. Als Opernkomponist ist er bislang nicht hervorgetreten, doch das macht nichts, zählt ein unbekümmerter "Do it yourself"-Gestus doch zu sirenes Markenzeichen.
Die musikalische Zeit strukturiert Löschel durch flächige Klänge eines um Jazz-Instrumente angereicherten Ensembles (Leitung: Jury Everhartz), der die Repetition ineinandergreifender Patterns einen minimalistischen Charakter verleiht. Auch wenn Synkopierungen so etwas wie "Schwung" hinein bringen, dominiert durch den sparsamen Umgang mit harmonischer Abwechslung ein statischer Eindruck. Die "zwillinghafte Symbiose aus Text und Musik", wie das Sirene-Kernteam Tornquist und Everhartz seine Arbeit charakterisiert, macht sich bezahlt durch eine ästhetische Kohärenz, die den Produktionen des Wiener Familienbetriebs eine leicht wiedererkennbare Handschrift verleiht. Vom schlicht-funktionalen Bühnenbild (Cornelius Burkert) über Tornquists Regie, die fernab jedes Realismus eine Art augenzwinkernde Allgemeingültigkeit erzielt, bis zur Kommentarfunktion des Chores, ist das durchwegs sympathisch und in sich stimmig erzählt.
Dafür bürgen nicht zuletzt die Darsteller der liebevoll überzeichnete Charaktere - etwa Rupert Bergmann als selbstherrlicher und stimmlich prägnanter Primararzt oder Ewelina Jurga, welche die Krankenschwester Sanjivani mit schmelzendem Sopran zur echten Sympathieträgerin macht.
Offen bleibt allerdings die Frage, warum zu Tornquists Texten eigentlich gesungen wird. Löschels monotone Klangkulisse vermag die Bemühung des Operngenres nicht recht plausibel zu machen.

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