30.08.2018, Alois Sonnleitner, music austria

Ich versuche, dem Atem der Texte zu folgen.“ – OSKAR AICHINGER im mica-Porträt


Improvisierte Musik, Jazz, Wienerlied, Kammermusik, Oper, Songs – und vieles andere mehr: Der aus Oberösterreich stammende Wiener Klavierspieler, Komponist, Pädagoge und neuerdings auch Schriftsteller OSKAR AICHINGER fühlt sich in vielen Disziplinen pudelwohl. Aktuell arbeitet er an seiner neuen Song-Oper „Das Totenschiff“, fürs SIRENE OPERNTHEATER, das auch im Rahmen des Festivals WIEN MODERN aufgeführt wird, und an der Fortsetzung seines erfolgreichen Buchdebüts „Ich bleib in der Stadt und verreise“. Untertitel: „Vom Gehen und Verweilen in Wien“.
Oskar Aichingers erstes Buch offenbart den Künstler als Flaneur, als stets Neugierigen, der seine nähere und fernere Wohnumgebung zu Fuß erkundet. Dazu gehört freilich auch der perfekte Einkehrschwung. Anfangs habe er, nach einer Reihe von kürzeren Texten, über das Gehen in der Stadt geschrieben. „Weil ich von mir selber wissen wollte, ob ich auch etwas längeres zustandebringe“, erzählt Aichinger. Nachdem es ihm überraschend leicht von der Hand ging, habe er das Konvolut an fünf namhafte Verlage eingereicht. Nur einer davon hatte die Einreichung ignoriert, drei sagten freundlich ab, „besonders stolz bin ich auf die Absage von Klaus Wagenbach, der mir eine handgeschriebene Postkarte geschickt hat“. Bald nach Erscheinen beim Picus Verlag war die erste Auflage vergriffen, eine zweite wurde notwendig. Aichinger, seit mehr als drei Jahrzehnten als Musiker unterwegs, nimmt’s mit Humor: „Ich habe schon jetzt mehr Bücher verkauft als CDs.“
Einer anderen Fortbewegungsart als dem urbanen Flanieren ist Aichingers neues Musiktheater, seine zweite Kammeroper nach „Der entwendete Taler“, auf Basis eines Texts von Leo Perutz, verpflichtet. „Das Totenschiff” ankert auf dem gleichnamigen Roman von B. Traven. Im Schicksal des Romanhelden Gale, der seine Papiere verliert und damit seiner Identität verlustig geht, erkennt Aichinger angesichts der sogenannten „sans papiers“ einen brisanten Bezug zur Gegenwart. Zudem übe Traven fundamentale Kapitalismuskritik, sagt der Autor, und beschreibe das Elend der Arbeit und seiner Entmenschlichung. Formal hatte Oskar „Ossi“ Aichinger dafür die Song-orientierten Kompositionen eines Kurt Weill und eines Hanns Eisler im Hinterkopf. Repetitive Muster spielten eine Rolle, zur angemessenen Dramatik des Stoffs wolle er das Orchester mit einer E-Gitarre und vielen Blechbläsern besetzen. „Das Totenschiff”, von Aichinger am ehesten als Song-Oper klassifiziert, ist die zweite Auftragsarbeit für das sirene Operntheater. Wien Modern hat die Produktion sogleich ins Festival integriert und, als Ergänzung dazu, einen dreifaltigen Klaviersoloabend mit ihm und den Instrumentalkollegen Georg Graewe und Thomas Lehn programmiert.
„Nach jahrelanger Instrumentalmusik entstand in mir der gesteigerte Wunsch nach Texten“, gesteht Aichinger. Im Wiener Kabinett-Theater habe er dann in Wolfram Berger einen idealen Vortragenden kennengelernt. Und neben dem Unterricht an einer Schule im 23. Bezirk mit Bühnen und Musikschwerpunkt arbeitete Aichinger als Lektor an der Angewandten-Klasse von Ferdinand Schmatz. „Die Bedeutung des Sprechens und Singens ist bei mir ganz organisch gewachsen“, sagt er. Es gehe im Wesentlichen um „die Übersetzung des sprachlichen in einen musikalischen Rhythmus“. Manchmal singe er auch selber. Besser gesagt: „Ich versuche, dem Atem der Texte zu folgen.“
Auf instrumentaler Basis gestaltete sich Oskar Aichingers Leidenschaft für den polnischen Komponisten Witold Lutos?awski besonders intensiv, dokumentiert auf der mehrfach preisgekrönten CD „Cosmos Lutos?awski”, seiner, nach „Poemia”, zweiten Soloplatte. Aichinger dazu auf seiner Website: „Das Werk des großen Witold Lutos?awski beschäftigt mich schon seit vielen Jahren. Vor allem seine erstmals in Jeux vénitiens/venezianische Spiele (1961) angewandte Technik der von ihm so genannten ‘begrenzten Aleatorik’ war und ist für mich eine wichtige Wegmarke in meinem eigenen kompositorischen und improvisatorischen Handeln. Dieses Prinzip des limitierten Zufalls bedeutet eine partielle Entmachtung des Komponisten und damit eine Aufwertung der MusikerInnen als mitkomponierende Individuen. Dabei kommt es aber nie zu einem Kontrollverlust auf Seite des Komponisten: Zeit- und Materialvorgaben regeln den Fluss der Komposition und determinieren so die vom Komponisten intendierte Dramaturgie.“
Er verspüre, sagt Aichinger, eine stetig steigende Sehnsucht, das kontinuierlich angewachsene Song-Repertoire zu veröffentlichen, und zwar „auf mindestens zwei CDs“. Überhaupt interessiere ihn die Beschäftigung an der Schnittstelle zwischen klassischem Liedgesang und Songwriting zurzeit am meisten. Oskar Aichinger: ein Quell intelligenter Erzählungen, kluger Kommentare, origineller Fragestellungen, ein extrem gebildeter, dabei uneitler, witziger und politisch hellwacher Zeitgenosse. Als solchem gehe ihm die gegenwärtige politische Entwicklung komplett gegen den Strich. Leider könne er mit freiem Auge keine nennenswerte Opposition erkennen, also sei wenigstens das permanente Setzen von Nadelstichen unabdingbar. So liest er etwa bei Konzert im Porgy & Bess die Passage der „konzentrierten Unterbringung von Asylwerbern“ von „Kerbert Hickl“ – in sinngemäßer Anlehnung an die Figur des „Hinkel“ in Charlie Chaplins „Der große Diktator”. Die Situation werde sich, davon ist Oskar Aichinger überzeugt, in Zukunft noch weiter zuspitzen. „Es wird, auch mangels linker Alternativen, eskalieren.“ Nicht zuletzt sei die Rache für 150 Jahre Kolonialismus nicht aufzuhalten.

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