17. November 2013, Blog happawien.jugem.jp

Japanischsprachiger Blogpost mit einer Rezension von „GATES / Kurzopern“

Das Kabelwerk ist eine moderne Großsiedlung auf einem ehemaligen Fabrikgelände. Die Österreicher scheinen diese Art zu wohnen zu mögen, aber ich persönlich kann diesen charakterlosen Betonwüsten wenig abgewinnen. Da es sich jedoch um eine riesige Anlage handelt, gibt es dort ein eigenes Kulturzentrum. Während kulturelle Einrichtungen in japanischen Wohnsiedlungen meist eher dürftig ausfallen, entstehen hier im Kabelwerk ziemlich innovative Projekte.

Diesmal stand im Rahmen des Festivals Wien Modern ein Abend mit Kurzopern auf dem Programm. Laut Programmheft sollte die gesamte Aufführung etwa drei Stunden dauern. Als ich sicherheitshalber bei einem Mitarbeiter nachfragte, meinte dieser nur trocken: „Na ja, gegen 23:30 Uhr wird es wohl zu Ende sein.“ Sag das nicht so leichtfertig! Wenn die U-Bahn nicht mehr fährt, habe ich ein echtes Problem, nach Hause zu kommen (Schwitz!).

Da eine Kurzoper auf die nächste folgt, wäre es zu mühsam, alle Beteiligten einzeln aufzuzählen. Ich beschränke mich daher auf die Komponisten, Librettisten und die Namen der Darsteller in Klammern. Alles Weitere lasse ich weg – da das die Leser ohnehin kaum interessieren dürfte, halte ich das für angemessen. Ich bitte um euer Verständnis.

Die erste Hälfte: sirene Operntheater

Im ersten Teil wurden vier Opern des sirene Operntheaters zum Thema „Gäste“ gezeigt, verbunden durch verschiedene Intermezzi.

Besonders interessant ist die Bühnenausstattung: Ein einziges Möbelstück vereint Stuhl, Tisch, Bücherregal und Plattenspieler – darauf thront sogar eine Katze auf einem Teller. Ein Sofa, auf dem eine alte Dame zu sitzen scheint, entpuppt sich als geniale Konstruktion: In Wahrheit steht eine Sängerin darin, sodass sich das Sofa mitbewegt, wenn sie weggeht (Lach!).

Die Geschichten strotzen vor schwarzem Humor: Ein einsamer alter Mann empfängt ein lebhaftes junges Paar (großartige Kostüme!), das prompt beginnt, seine gesamte Wohnung nach ihrem Geschmack umzugestalten.

In dem darauf folgenden Intermezzo (Zu früh!) wartet ein Mann mit einem Blumenstrauß, ist aber so sehr mit dem Auspacken der Blumen beschäftigt, dass er den richtigen Moment verpasst. Das Fazit: „Es ist zu spät.“ Passend dazu stellt der Dirigent die Uhr auf der Bühne exakt nach dem Glockenschlag (Lach!).

Weiter ging es mit Axi: Zwei Frauen – eine alte und eine junge – beobachten neugierig ihre Nachbarn und bemerken dabei nicht, dass bei ihnen selbst gerade eingebrochen wird. Stattdessen müssen sie mitansehen, wie der Freund der jungen Frau eine andere besucht. Diese wiederum ist die Freundin des Einbrechers. Es entwickelt sich eine komische Oper über zwei Menschen mit Liebeskummer.

Im nächsten Intermezzo (Idealsymbiose) verführt die alte Frau den Mann mit dem Blumenstrauß. Sie entblößt ihre Brüste – die allerdings wie Luftballons aussehen, die sie einfach hervorholt – und der Mann verwandelt sich in ein Baby, das daran saugt. Wenn man das so schreibt, klingt es vielleicht nicht lustig, aber in der Umsetzung war es irgendwie niedlich.

Herausragend war Inventur. Die Sänger blättern in einem riesigen Buch, aus dessen oberem Rand ihre Gesichter auftauchen. Details von Insekten werden per Videoprojektion mit großartigem Humor und verblüffendem Realismus auf die Seiten projiziert. Es war zwar ekelig (immerhin ging es um Schädlinge, Lach!), aber wie die Insekten im Buch herumzukrabbeln schienen, war eine gelungene Mischung aus Ekel und Faszination.

Ein weiteres Intermezzo (Culture Clash) war ein echtes Meisterwerk: Während ein Indianer rauchend eine Pause macht, erscheint die Freiheitsstatue (gespielt von der unglaublich talentierten Darstellerin der alten Frau). Sie flößt ihm Alkohol ein, besiegt ihn und erobert sein Land (Haha!).

Den Abschluss bildete ein Werk des Komponisten Bernhard Lang, dessen Libretto – man höre und staune – von Da Ponte stammt (Lach!). Die Schlussszene aus Mozarts Don Giovanni wurde hier als zeitgenössische Parodie umgesetzt. Langs typische Musik, die auf ständigen Wiederholungen basiert, passte hervorragend dazu, und der Einsatz von Bomben war unglaublich humorvoll.

Der letzte, anrührende Epilog war zwar etwas überflüssig, aber insgesamt waren diese 70 Minuten ohne Pause wie im Flug vergangen.

Was hier geboten wurde, war wirklich beeindruckend. Die Inszenierung schaffte es, das Publikum durchweg zu unterhalten, ohne dass die künstlerische Tiefe verloren ging. Man merkte den Darstellern ihre fundierte Ausbildung in Schauspiel, Tanz und Gesang deutlich an. Solche zeitgenössischen Opern sehe ich mir gerne an!

Die zweite Hälfte: progetto semiserio

Nach der Pause übernahm die Gruppe progetto semiserio, ebenfalls mit vier Stücken. Der Auftakt mit einem Trio war vielversprechend: Die Monologe eines ausländischen Arbeiters, einer klagenden älteren Frau und eines panischen Elite-Angestellten wurden auf ganz unterschiedliche Weise erzählt und besaßen eine starke realistische Überzeugungskraft.

Doch beim zweiten Stück folgte die Ernüchterung. Laut Programm ging es um eine Japanerin in Europa, die unter Entfremdung leidet. Aber dann diese Videoprojektion: Kirschblüten an Bäumen, an denen gleichzeitig Kirschen wuchsen – das sind definitiv keine japanischen Kirschbäume! Wo wurde das bloß gefilmt? Dazu Texte in Englisch, Deutsch und einem völlig unverständlichen Japanisch. Die Protagonistin agierte übertrieben auf einer großen Plattform, aber das ganze Bild war viel zu klischeehaft. Ich konnte überhaupt nicht nachvollziehen, was das Problem dieser Frau sein sollte. Ehrlich gesagt wirkte es wie das Vorurteil der Europäer über die „unruhige junge Japanerin“. Die meisten von uns sind gar nicht so – aber verzeihen Sie mir, falls das jetzt zu direkt war.

Das nächste Stück war hingegen wieder sehr stark: Es handelte von einem in Österreich aufgewachsenen türkischen Homosexuellen, der einen Friseur ermordet (quasi das Gegenteil von Sweeney Todd, Lach!). Ein aggressives, grausames Stück mit klar verständlichem Text und einer bedrückenden psychologischen Realität – musikalisch und theatralisch auf höchstem Niveau.

Zum letzten Werk, BILL, möchte ich lieber nicht viel sagen. Trotz eines enormen Aufwands mit drei Videoleinwänden, herumziehenden Musikern, verschiedensten Instrumenten (inklusive Geräuschgeneratoren) und talentierten Sängern war es eine fast schon unglaubliche Leistung, ein Werk mit so wenig Inhalt zu schaffen. Viele Leute um mich herum hielten sich die Ohren zu – ich zeitweise auch, weil mir die Trommelfelle wehtaten.

Fazit

Es war ein interessanter Abend, der gezeigt hat, wie vielfältig moderne Oper sein kann. Besonders die Gruppe aus der ersten Hälfte (sirene Operntheater) hat mich begeistert – ein Programm auf diesem Niveau würde ich jederzeit wieder besuchen. Die zweite Hälfte war leider ein Wechselbad aus Licht und Schatten, bei dem für mein Empfinden manchmal zu viel künstlerischer Egoismus im Spiel war.

Glücklicherweise endete die Vorstellung bereits um 23:15 Uhr, sodass ich problemlos mit der U-Bahn und der Straßenbahn nach Hause kam.

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