Kristine Tornquist und Wolfram Wagner im Gespräch

terz magazin, Axel Petri-Preis

"Ich bin eine Meisterin der Einsparung" - Kristine Tornquist und Wolfram Wagner im Gespräch

Anlässlich der Premiere von "Türkenkind" traf Axel Petri-Preis die Librettistin Kristine Tornquist und den Komponisten Wolfram Wagner zum Gespräch.

terz: sirene Operntheater hat in diesem Jahr so etwas wie einen Islamschwerpunkt. Entstand das aus rein künstlerischen Überlegungen oder ist das auch als politisches Statement zu verstehen?
Kristine Tornquist: Natürlich auch als politisches Statement. Das hängt damit zusammen, dass in den letzten Jahrzehnten, kann man sagen, so ein unglaublich negatives Bild geprägt wurde, vom arabischen Raum, vom maghrebinischen Raum, vom Orient, dass eigentlich die Hauptfigur, die dort zu leben scheint, der Dschihadist ist. Das habe ich immer als vollkommene Verkürzung und als ärgerlich empfunden, dass hier so eine Angstmache betrieben wird. Dann haben wir uns gedacht, "1001 Nacht" ist wirklich ein Gegenprogramm dazu. Denn das ist eine sehr positive Welt, wo man sieht, dass der Islam damals eine sehr fortschrittliche Religion war, die die Frauenrechte zum Beispiel verbessert hat, die überhaupt nicht restriktiv war, eine sehr tolerante Religion. Außerdem sind das tolle Geschichten, in denen man merkt, dass das eine andere Lebensart ist, die sehr viel für sich hat, eine sehr sinnliche Lebensart, wo Sexualität zum Beispiel nicht so angst- und problembesetzt ist wie im europäischen Raum oder in der westlichen Welt. Das war und ist immer noch eine sehr offene, freundliche und gastfreundliche Gesellschaft, nur weiß man davon sehr wenig. Unsere große Freude war dann eigentlich, dass es, während wir daran gearbeitet haben, der Beginn dieses Aufwachens war, die Revolutionen, die seither stattfinden. Und das "Türkenkind" ist uns eigentlich zugeflogen und war dann eine tolle Ergänzung zu "1001 Nacht".
terz: Birgt dieser Zugang über "1001 Nacht" auf der anderen Seite nicht auch die Gefahr der Romantisierung?
Kristine Tornquist: Wir haben uns bemüht, das nicht zu tun, diese Geschichten also nicht im Orientalkitsch auf die Bühne zu bringen. Ich hoffe, dass wir dieser Gefahr entgangen sind.
terz: Du hast erwähnt, dass euch "Türkenkind" zugeflogen ist. Wie kam es zu diesem Projekt?
Kristine Tornquist: Wir haben vor zwei Jahren Irène Montjoye kennen gelernt und mit ihr über ihr Buch „Maria Theresias Türkenkind“ gesprochen. Die Idee einer Vertonung lag also bereits im Raum und ist dann über Johannes Meissl und die Universität für Musik und darstellende Kunst wieder zu uns zurückgekehrt.
terz: War für euch schnell klar, dass Wolfram der Komponist sein soll?
Kristine Tornquist: Sofort. Wir haben beide (Kristine Tornquist und Jury Everhartz, Anm.) gesagt, das ist etwas für den Wolfram. Ich weiß, dass der Wolfram hochdramatische Stoffe liebt und ich weiß auch, dass er eine tolle Hand für feine, subtile Vorgänge hat.
Wolfram Wagner: (lacht) Danke für das Kompliment!
terz: Hast du das Angebot gleich angenommen?
Wolfram Wagner: Es war ein bisschen kurzfristig. Erfahren habe ich von dem Projekt einen Monat, bevor ich das Libretto im November bekommen habe und es war klar, dass ab Mai geprobt wird.
Kristine Tornquist: Das stimmt, wir haben sehr kurzfristig davon erfahren. Ich habe das Libretto dann in nur einer Woche geschrieben.
Wolfram Wagner: Ich habe davor schon Zeit gehabt, mich darauf einzustellen, das Buch zu lesen und andere Aufträge ein bisschen auf die Seite zu schaufeln, aber ich habe gewusst, in der Zeit wird es dann knapp. Aber ich habe mir die Zeit dann genommen und mich auch ordentlich in das Projekt vertieft. Ich habe da nicht jeden ersten besten Gedanken genommen, sondern habe auch viel wieder weggeschmissen. Und nachdem die zeitliche Vorgabe eine Stunde war und auch das Ensemble relativ klein ist, waren 5 Monate für die Komposition genug.
terz: Für welche Besetzung hast du die Oper geschrieben?
Wolfram Wagner: Neben einem Oud (arabische Laute, Anm.) und Schlagzeug sind es insgesamt dreizehn Instrumente, also Streicher und Bläser. Wenn man das gut setzt, kommt ein schöner orchestraler Klang heraus. Die erste Szene ist zum Beispiel nur für Streicher komponiert, die zweite nur für Bläser.
terz: Wird der Oud in den Orchesterklang integriert oder solistisch eingesetzt?
Wolfram Wagner: Der Oud ist fast immer solistisch. Es gibt eine einzige Stelle, in der er wirklich mit dem Orchester zusammen spielt. Der Oud ist ein sehr leises Instrument, deswegen habe ich es meistens solistisch eingesetzt. Ich bin ja kein Spezialist in türkischer, arabischer oder persischer Musik, aber ich habe mich zur Vorbereitung in dieses Thema vertieft. Kristine hat mir auch ein paar Links gegeben und ich habe mich auch mit den Skalen befasst, um ein bisschen ein Gefühl für die Melodik zu bekommen. Ich wollte keine orientalische Oper schreiben, sondern meine eigene Musik. Ich bin ja ein westeuropäischer Komponist und wollte mich nicht verstellen. Aber ein bisschen orientalischen Einfluss wollte ich auch. Es wird ja auch im Libretto gelegentlich türkisch gesprochen. Das scheint mir gut gelungen zu sein.
terz: In der Entstehung konntest du keinen Einfluss auf das Libretto nehmen, hattest du bei der Vertonung noch Änderungswünsche?
Wolfram Wagner: Es gab nur ganz wenige Änderungen. An der einen oder anderen Stelle habe ich mir mehr Text für kleine Arien gewünscht.
terz: Es ist eher ungewöhnlich, dass sich ein Komponist mehr Text wünscht, meistens ist es doch umgekehrt.
Kristine Tornquist: Ich bin eine Meisterin der Einsparung. (lacht)
terz: Wie ist deine Herangehensweise an eine Oper? Komponierst du chonologisch?
Wolfram Wagner: Ja, ich schreibe von vorne nach hinten. Ich habe gelegentlich anderes probiert, aber es gelingt mir nie. Ich brauche diesen Fluss.
terz: In einer Woche ein Libretto zu verfassen ist unglaublich schnell. Wie bist du an den Roman von Irène Montjoye herangegangen?
Kristine Tornquist: Ich wollte ausprobieren, ob man aus diesem Buch überhaupt ein Opernlibretto machen kann, habe mich hingesetzt und es fertiggeschrieben. Dann haben wir überhaupt erst zugesagt. Mir war am Anfang nicht klar, ob der Text als Oper funktioniert, da eine Operndramaturgie ganz eigene Regeln hat. Für mich muss ein Libretto als Bild funktionieren können. Dass die Geschichte rückwärts erzählt wird, war eine spontane Idee, weil ich gedacht habe, vorwärts kann ich es nicht als Oper nicht erzählen.
Wolfram Wagner: Vorwärts erzählt wäre das Problem gewesen, dass am Anfang sehr viel passiert und die zweite Hälfte des Stückes wäre viel zu normal gewesen. Mehr eine Allerweltsgeschichte.
Kristine Tornquist: Und der Kunstgriff, dass die Handlung nicht auf der Bühne passiert, sondern erzählt wird, hängt damit zusammen, dass von Anfang an klar war, dass wir nur eine Sängerin haben werden.
terz: Das löst dann natürlich auch inszenatorische Schwierigkeiten.
Kristine Tornquist: Ja, ein Sklavenmarkt ist natürlich schwer darzustellen, wenn allerdings darüber erzählt wird, dann geht das.
Wolfram Wagner: Die Idee eine Monooper hat mich sehr fasziniert. Es ist eine Herausforderung, aber wirklich toll. Nina Plangg (die Sängerin der Titelfigur, Anm.) ist natürlich sehr gefordert.
Kristine Tornquist: So wie du sie strapaziert hast, das hat sie, glaube ich, noch nie erlebt. (lacht)
terz: Gab es während oder nach der Erstellung des Librettos Gespräche zwischen dir und der Autorin des Buches Irène Montjoye?
Kristine Tornquist: Immer wieder natürlich Telefonate und Treffen. Während der Erstellung habe ich zwar nicht mit ihr telefoniert, das wollte ich für mich alleine lösen, nachher hat sie mich aber auf ein paar Sachen hingewiesen, die ich auch geändert habe. Bei manchen Dingen sind wir uns auch nie ganz einig geworden, weil sie einfach einen anderen Ansatz hat. Es gibt auch immer noch Gespräche.
terz: Was sind eure nächsten großen Projekte?
Kristine Tornquist: Wir machen nächstes Jahr eine große Oper mit Gernot Schedlberger. Das Libretto stammt von mir.
Wolfram Wagner: Die Passionsspiele in Erl feiern 2013 Jubiläum. Dafür soll Felix Mitterer einen neuen Text verfassen und ich soll die Musik dazu schreiben.