Kurier – 05. November 2011, Peter Jarolin

Doderer: Selbstbewusste Gipfelstürmerin. Die österreichische Komponistin über ihr neues Werk, die sogenannte Avantgarde und den Mut zum eigenen Stil.


Einmal wäre sie beinahe abgestürzt. Nicht als Künstlerin, sondern im realen Leben. Denn das Klettern ist neben der Musik Johanna Doderers größte Leidenschaft. "Beim Klettern finde ich meinen Rhythmus, meinen Atem für die Musik", so die Großnichte des Autors Heimito von Doderer.
Und auch heute, Freitag, gilt es den richtigen Atmen zu finden, wenn in der Wiener Kammeroper die Trias "Vogel Herzog Idiot" zur Uraufführung kommt. Drei Miniaturopern, die auf Anregung des Bassbaritons Rupert Bergmann und als Auftragswerk des Theater an der Wien entstanden sind. Ursprünglich hätten die grundverschiedenen Stücke in der sogenannten "Hölle" an der Wien aufgeführt werden sollen. Ein Wasserschaden ließ die Kammeroper zum Ausweichquartier werden.
Neben Doderer haben auch Karmella Tsepkolenko und Samu Gryllus ihre Musik beigesteuert; Doderer selbst weiß nicht, was die Kollegen so komponiert haben. Sie selbst hat sich für "Papagenono" entschieden; das Libretto hat Franzobel geschrieben. Doderer: "Ich wollte etwas Lustiges machen. Es ist ja viel leichter, auf die Tränendrüse zu drücken, als die Leute zum Lachen zu bringen." Mozarts Papageno hat sie im Vorfeld bewusst ausgeklammert - "diese Musik hat eh jeder im Ohr, und das ist auch gut so."
Dass Doderer nach ihren Studien bei Beat Furrer oder Erich Urbanner "auch gern Musik für das Ohr" schreibt, hat ihr nicht immer genützt. "Ich habe viele Verrisse bekommen, weil ich nicht modern genug sei. Aber ich habe meinen eigenen Stil entwickelt, und da ist Platz für Atonalität, Tonalität, etc. Für alles, was eben zu einem bestimmten Werk und seiner Gefühlswelt passt."
Von der großen Oper über Orchesterwerke bis hin zu Kammermusik und Liedgesang spannt sich Doderers Schaffen. Dass sie von Festivals wie "Wien Modern" eher ignoriert wird, stört sie nicht. "Alles, was so krampfhaft avantgardistisch sein will, ist irgendwie schon wieder altmodisch. Glücklicherweise gibt es Häuser, Kollegen und Menschen, die meine Arbeit schätzen, die mich um Werke bitten. Inzwischen kann ich vom Komponieren leben." Nachsatz: "Denn ich muss komponieren. Das ist in mir drinnen, das ist meine Art, mich auszudrücken. Da lege ich meine ganze Energie hinein."

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