Die Presse, 28.05.2015, Wilhelm Sinkovicz

Nur noch heute und morgen: Gilgamesch

In der Expedithalle der ehemaligen Ankerbrot-Fabrik gibt man René Clemencics Vertonung von Episoden aus dem "Gilgamesch"-Epos - jetzt, wo an Ort und Stelle gerade wieder unschätzbare Kulturgüter vernichtet wurden und werden, tut eine solche Erinnerung an das älteste Epos der Menschheit gut.
Clemencic, Inbegriff des poeta doctus, greift dank seiner immensen Literaturkenntnis und handwerklichen Sicherheit nicht nur auf einen Jahrtausende alten Text, sondern auch auf Jahrhunderte der europäischen Musikgeschichte zurück. Seine Musik, dennoch wie aus einem Guss, bedient sich archaischer Klang-Topoi, scheint oft reduziert auf karge Zweistimmigkeit, orientiert an mittelalterlichen Organa oder gregorianischem Gesang, dann wieder tönen die Posaunen und Tuben wie beim Jüngsten Gericht (oder die jüdischen Schofar-Bläser auf dem Schlachtfeld); andererseits empfängt die urbane Gesellschaft das Naturkind Enkidu, der dann zu Gilgameschs treuem Begleiter wird, mit einer raffinierten Glockenklang-Studie in Form eines Renaissance-Madrigals, nur an Dreiklangsharmonien orientiert.
So kommt Abwechslung ins tönende Spiel, das Kristine Tornquist gewohnt simpel und - wie die Musik - aufs Wesentliche konzentriert in die karge Halle choreographiert hat. Gesungen und musiziert wird von einem jungen Ensemble des "Sirene"-Operntheaters mit Engagement. 100 Minuten verfliegen rasch, während man sich endlich wieder einmal ganz ungeschminkt mit den Ur-Ängsten und Ur-Visionen der Menschheit beschäftigen darf, mit Gottesfurcht und Machtstreben, Eitelkeit und Liebe und Tod und der Sehnsucht nach Unsterblichkeit.

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