Der Fluch des Krieges

Für ewige Zeiten muss Sisyphos einen gewaltig großen Stein auf einen Berg rollen, doch kurz bevor er das Ziel erreicht, donnert der Stein wieder hinunter, so dass er von neuem beginnen muss. Homer, der Autor dieses Mythos, beschreibt Sisyphos als sehr weisen Menschen und Rebell; doch was steckt wirklich dahinter, dass Sisyphos von den Göttern zu einer so harten Strafe verurteilt wurde? Das bleibt bei Homer unklar. Albert Camus meinte sogar: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“
Aus meiner Sicht muss Sisyphos leiden, weil die alten Götter herzlos waren. Auch Prometheus aus dem von Zeus entmachteten Göttergeschlecht der Titanen erging es ähnlich. Zeus übertrug ihm zunächst Aufgaben, aber bestrafte ihn schwerstens, als er den Menschen das Feuer brachte. Beim Dichter Aischylos empört sich Prometheus und sagt zum Götterboten: „Dünkt dir etwa gar, Angst hätt’ ich, duckte mich vor den neuen Göttern? ... Gerade heraus: Die Götter hasse ich allesamt, die mir für Gutes Böses tun wider das Recht!“
Nicht immer, doch gelegentlich setzten sich die Götter der Antike über alle Regeln hinweg. Die Griechen (und Römer) fanden sich mit der Willkür der Götter ab, über denen nur die Hoffnung auf Gerechtigkeit waltete. Daher versuchen sie, die Götter mit Gebeten, Geschenken und Versprechungen gefällig zu stimmen, doch der Glaube an sie schwand allmählich seit der Zeitenwende. Kritische Philosophen wie der Athener Aristides interessierten sich für die neue christliche Religion. In seiner lange verschollenen Apologie appellierte er an den Kaiser wegen der Verfolgung der Christen und stellte todesmutig die Frage, ob denn die alten Götter überhaupt Götter seien: „Sind nämlich die Gesetze der Griechen gerecht, so sind ungerecht ihre Götter, die die Gesetze übertraten...“
Warum dichteten Homer und andere große Autoren Erzählungen über Ungerechtigkeiten der Götter? Ich behaupte, sie wollten die Menschen beruhigen, dass es keine Gerechtigkeit unter dem Himmel geben könne, nachdem es auch im Himmel keine gebe. Vielleicht galt bereits in der Antike: Sex and crime sells. Die Philosophen kritisierten die Mythen als Lügen, doch Platon und andere unterstützten eigene Argumente oft mithilfe von Mythen. Kann man zwischen guten und bösen Mythen unterscheiden?
Das Tragischste an allen Mythen der Antike war, dass immer wieder herauskam, der Krieg sei ohnehin unausweichlich. So wurde der Krieg ein Fluch der Menschheit. In der Renaissance erfreuten sich die Menschen an den Mythen der Antike, welche die Phantasie und Kunst beflügelten. Doch den Renaissancefürsten samt den Päpsten gefiel auch die archaische Auffassung, dass nur ein siegreicher Krieg den eigenen Ruhm vermehrt, egal ob der Angriff berechtigt sei oder nicht. Was früher hinter vorgehaltener Hand gesagt wurde, galt seit Machiavelli manchen Staatsmännern als Handlungsanweisung, auch wenn sie nach außen einen anderen Schein zu wahren versuchten. Caesar war wieder der
bevorzugte Held, auch Napoleon wollte sein wie er: Ein großer Eroberer. Dass Caesar Gallier und Germanen in Millionenzahl töten ließ, war nebensächlich.
Der Mythos von der militärischen Überlegenheit Englands verursachte den Hundertjährigen Krieg. Jeanne d'Arc u. a. stellten die französische Glorie wieder her, doch seit sich Frankreich von den Habsburgern in Österreich, Spanien und den Niederlanden umzingelt sah, löste dies den dreißigjährigen Krieg aus. Der Mythos vom antiken Caesar, der in Napoleon wiedergekommen sei, belebte die napoleonischen Kriege. Dann kam der Kolonialismus. Cecil Rhodes behauptete, man sei berechtigt, Afrika zu unterwerfen, weil die weiße Rasse so tüchtig sei. Der Mythos von der technisch-wissenschaftlichen Überlegenheit Europas über die Welt stand auch Pate im Ersten Weltkrieg.
Der Zweite Weltkrieg bewies die zunehmende Gefährlichkeit neuerfundener Mythen: Der von Dichtern und Politikern im Vorfeld Hitlers erfundene Mythos von der Überlegenheit der Germanen verbündete sich mit dem alten Mythos eines tausendjährigen Reiches und schon war die grausamste Kriegführung und rassistische Gewalt in einem Kulturland durchsetzbar. Aber auch die Bolschewiki standen nicht nach. Sie stellten es so hin, als ob sie das Zarenreich gestürzt hätten, wobei sie in Wirklichkeit die seit der Februarrevolution bestehende junge russische Demokratie gewaltsam beseitigten; ihre Revolution samt Bürgerkrieg feierten sie als das „letzte Gefecht“ der Menschheit vor dem angeblichen Anbruch eines Friedensreiches. Gekommen sind bekanntlich Diktatur und Unterdrückung. Die fatalen Atombombenabwürfe der USA vor 70 Jahren schufen den Mythos von der Unbesiegbarkeit Amerikas, welcher durch den Islamismus seit dem Angriff auf das World Trade Center mit zunehmender Brutalität in Frage gestellt wird. Alle Kriege und Mythen aufzuzählen, welche den Fluch der Kriege beschönigten, wäre eine zu lange Liste.
Mythen können im Volk wirksam sein, die bösen Mythen wirken sich aber gerade deshalb wie ein Fluch aus. Dieser Fluch kann, wenn überhaupt, nur durch Vernunft entzaubert werden. Aber welche Vernunft ist so stark? Der Krieg schadet der Vernunft, er stempelt die Gegner zu Bösen, die zu töten seien. Der Friede kommt nur aus der Sehnsucht eines moralisch gebildeten Volkes hervor. Diese Sehnsucht ist eine Art Erinnerung an einen paradiesischen Urzustand.
Hesiod berichtete von einem „goldenen Zeitalter“ am Anfang der Zeit. Ovid dichtete in seinen Metamorphosen über den Verlust eines ursprünglichen goldenen Zeitalters. Die Götter bestraften die ganze Menschheit, seit diese den Krieg erfanden. Ein Zurück könne es aber nicht geben, meinte Ovid. (Im Musikdrama „Sisifos“ erkenne ich eine Verbindung zu diesem.) „Strafe und Furcht fehlten [anfangs] und ohne die Verwendung eines Soldaten verbrachten die Völker sicher angenehmen Frieden.“ Doch die Sucht nach Metall, dem Material neuer Waffen, führte seit dem „eisernen Zeitalter“ zu Kriegen. Wie die Menschen Gewalt gegen die Erde anwandten, um ihr das Eisen (und das Gold) zu entreißen, kam es nun auch zur Gewalt gegeneinander und zum Krieg. (Erinnert dies nicht an Wagners „Rheingold“?) Ovid sagt, nun „lebten“ die Menschen „vom Raub“, also vom Krieg.
Der Krieg entstand als Fluch von Menschen gegen Menschen, doch bald litt die ganze Menschheit darunter. Karl Kraus formulierte das so: „Krieg ist zuerst die Hoffnung, dass es einem besser geht, hierauf die Erwartung, dass es einem nicht schlechter gehen wird, dann die Genugtuung, des es dem anderen auch nicht besser geht, und hernach die Überraschung, dass es beiden schlechter geht.“ Gandhi wieder stellte die eigentliche Kriegsursache bloß: Nur wegen des Wunsches nach Unterdrückung fremder Völker gebe es den Krieg. Die Rechtfertigung lautete stets verharmlosend:  „Si vis pacem para bellum – wenn du den Frieden willst, mache dich bereit für den Krieg.“ Lange hielt sich dieser Irrtum, trotz des Christentums; erst Bertha von Suttner erkannte den Widerspruch in diesem Denken und kehrte den Satz um: „Wer [wirklich] Frieden will, der bereite den Frieden vor – si vis pacem para pacem.“ Sie sagte zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in hundert Jahren werde es weltweit kein Recht zum Angriffskrieg geben. Tatsächlich verbietet diese das heutige Völkerrecht, aber Kriege gibt es trotzdem.
Warum schüttelt die Menschheit die unnütze und aussichtslose Sisyphusarbeit, ewig Kriege zu führen, nicht endlich ab? Wieso gibt es immer noch Kriege, auch seitens der USA und Russlands, wieso wird im Namen des Islam in vielen Ländern gemordet? Das müsste nicht so sein, wenn man Gandhi Glauben schenken darf. Das Modell von Gandhi war, aus der Bhagavadgîta, einem eigentlich kriegerischen Text, die Grundlage für seine radikale Friedenshaltung abzuleiten. Er begründete dies mit dem friedlichen Kern der Religion, trotz oft entgegengesetzter Praxis und sah dieses Modell als Aufgabe aller Religionen: „Nachdem ich die wichtigsten Religionen, soweit es mir möglich war, studiert hatte, kam mir der Gedanke, es müsse einen Hauptschlüssel geben, der die allen Religionen zugrunde liegende Einheit erschließen könnte, sofern es sinnvoll und notwendig ist, eine Gemeinsamkeit zu entdecken. Dieser Schlüssel ist Wahrheit und Gewaltlosigkeit. Solange wir nicht diese grundlegende Einheit verwirklichen, werden Kriege nicht aufhören.“ Gandhi ließ es offen. Über die Christen beklagte er sich, sie sollten doch nach der Bergpredigt leben - erst dann könnte er sich einen Übertritt zu dieser Religion vorstellen.
Immanuel Kant schrieb die bemerkenswerte Friedensschrift „Zum ewigen Frieden.“ Dieses Buch wurde berühmt, seit sich die Gründer des Völkerbunds und danach auch Vertreter der UNO auf dieses Werk beriefen. Darin postulierte er, die Politiker müssten im Einvernehmen von politischer Klugheit und Moral handeln. Nur diese Einheit sei wirklich der Vernunft des Menschen gemäß. „Trachtet allererst nach dem Reiche der reinen praktischen Vernunft und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch euer Zweck (die Wohltat des ewigen Friedens) von selbst zufallen.“ Er setzt den Friedenswillen der Politik voraus, sobald das Volk wirklich mitbestimmt. Der gesammelte Wille des Volkes entspricht, so erklärt er, der Vereinigung von Klugheit und Moral, die er hier als „reine praktische Vernunft“ bezeichnete. Kant unterließ es nicht, mehrfach auf die Bibel als Inspiration anzuspielen und er wies treffend nach, dass die Hoffnung auf einen künftigen Frieden auf Vernunft gegründet sei.
Könnte „Sisifos“ nicht eines Tages erwachen und sagen, es sei doch vernünftiger, den Stein endlich liegen zu lassen und die Kräfte für Sinnvolleres einzusetzen?

Erwin Bader