Über Hermetika VI „Sisyphos-Fragmente“

Basierend auf einem Konzept von Kristine Tornquist sind diese Stücke als Auseinandersetzung mit dem Sisyphos-Mythos entstanden, der hier als Allegorie zum wiederholten Bemühen verstanden wird, eine sozial balancierte Friedensgesellschaft herzustellen, die dann in einer hoffnungslosen Zyklizität wieder in den Kriegszustand verfällt.
Zunächst bezog ich mich auf eine Textkompilation von Kriegsberichten aus mehreren Jahrhunderten, erkannte aber doch bald, daß hier das Unsingbare ausgesprochen wurde; ich beschränkte mich deshalb auf das originale Homer-Fragment:

Ich begegnete Sisifos, getrieben vom Verlangen
einen riesigen Marmorblock zu bewegen.
Den wälzte er, fest in den Boden gestemmt,
mit letzter Kraft auf den Gipfel hoch.
Kaum auf der Kuppe kippte jedoch der Stein
und stürzte mit Donnern den Berg hinab. Er nach.
Und wieder begann die Schinderei von neuem,
schweissüberströmt, das Gesicht grau vom Staub.
Homer, Odyssee, deutsch von Kristine Tornquist

Dieser Text wird siebenmal komponiert und gesungen, also als Wiederholung auf mehreren strukturellen Ebenen:
1 Als Wiederholung im Text: Sisyphos wiederholtes Scheitern.
2 Als Strukturprinzip der Komposition: differente Loops.
3 Als Wiederholung des Texts: sieben Vertonungen des Gleichen, in etwa gleicher Länge.
4 Als Teil der Serie der Hermetika-Kompositionen für Chor.

Bernhard Lang