Oper in Wien, 26.11.2016, Dominik Troger

Soma - III. Teil der Hospital Trilogie

Der dritte Teil der „Hospital“-Trilogie entführte das Publikum in der Kammeroper unter dem Titel „Soma“ auf eine Notfall-Station. Für das Libretto hat wieder Kristine Tornquist gesorgt, für die Musik der Tiroler Komponist Christof Dienz.
„Soma“ erfordert vom Publikum eine gehörige Portion „Schwarzen Humors“, aber wer mit selbigem gesegnet ist, kommt auf seine Rechnung. Die Oper nimmt mit einigem Zynismus die notleidende Existenz des Menschen aufs Korn – sei er Arzt oder Patient. Und einmal stehen sich beide Lager sogar scheinbar unversöhnlich auf der Bühne gegenüber und werfen sich allerhand Schimpfworte an den Kopf. Aber als eine Ärztin selbst zur Patientin wird, zeigt sich deutlich: Alle sitzen im selben Boot eines in jedem Augenblick bedrohten Lebens. Die Götter in Weiß sind dann ebenso ratlos wie wir „Normalsterbliche“ auch.
Im Vergleich zur „Hybris“, des ersten Teils der „Hospital“-Trilogie, ist in „Soma“ sogar die Mythologie ratlos geworden. Im schleichenden Heranwachsen eines Glioblastoms oder in den brachialen Gewalten, mit den sich ein Kind im Geburtsvorgang den Weg ans Licht erkämpft, beherrscht die Unerbittlichkeit eines kreatürlichen Daseins eine beständig auf der Messerspitze zwischen Tod und Leben balancierende Existenz. Für den Bildungsbürger mag die Rettung in der Kultur liegen – und wenn der hilflos wirkende Dr. Klein sein von Christof Dienz schubertähnlich ausstaffiertes Lied vom „Garten seiner Kindheit“ singt, dann lullt die sentimentale Hoffnung auf ein Dasein in kindlicher Naivität kurz das Publikum ein: Aber keine Sorge, Klein fällt vom Baum und aus seinem „Paradies“. Gegen solche existentialistische Ratlosigkeit hilft nur ein zynischer Humor, der den Tumor beim Namen nennt, und es ist kaum zu glauben, wie schwungvoll man ein Glioblastoma multiforme besingen kann.
Die Handlung geben die in der Notfallambulanz eintrudelnden Patienten vor: eine hysterische Hypochondresse, ein Simulant, der sich vor der Arbeit drücken möchte, ein Herzinfarktpatient, Josef und Maria (!), die lange warten müssen und denen ein iranischer Taxifahrer beisteht, der in seiner Heimat als Urologe gearbeitet hat und der mit blutig aufgeschundenem Knie auf seine Behandlung wartet. Marias Geburtsakt steigert sich über Wehenschübe zu einem musicalartigen Höhepunkt – der in einem vom ganzen Ensemble getragenen Finale endet, das schwungvoll und mit viel Geburtsgestöhne die bösen Erinnerungen an das Glioblastom aus den Köpfen des Publikums hinauspustet. Da bleibt dann nur mehr die vor sich hinsummende Oberschwester zurück.
Der zögerliche Dr. Klein, der leicht großspurige Dr. Kross, die resche Oberschwester Angelika begegnen einem aus dem ersten Teil wieder – auch an der Usance, auf die Krankheiten der Patienten zu wetten (wer die richtige Diagnose trifft, erhält den Gewinn) und am eifrigen Kaffeekonsum hat sich nichts geändert.
Im Programmheft erläutert der Komponist Christof Dienz seinen Zugang: Die Geräusche in einem Computertomographen hätten ihn inspiriert – und die Musik spannt sich dementsprechend vom geräuschvollen „Wummern“ bis zu einem minimalistisch inspirierten, jazzartigen „Drive“, der bis auf wenige, etwas sentimental-nachdenkliche Passagen, die Handlung vorwärtstreibt. Dienz zeigt sich dabei sehr flexibel, manövriert locker und souverän zwischen Stilebenen und Spieltechniken – und es ist ein Vorzug dieses dritten Teils (gegenüber dem ersten), dass er sich in der Zuspitzung weder um eine moralische Wertung noch um eine mythologische Überhöhung zu bemühen scheint. Zwar hat es Regisseurin Kristine Tornquist szenisch so eingerichtet, dass der „Prometheus“-Adler vom ersten Teil, die von ihrem Gehirntumor überraschte und von ihren Kollegen in einem Rollstuhl „geparkte“ Ärztin von der Bühne fährt, aber wo die Sprache versagt, hilft zumindest eine Metapher noch weiter, um ins Todesrätsel vermeintlich einen dünnen Schacht der Hoffnung zu graben.
Die Besetzung war teils mit dem ersten Teil identisch (Anmerkungen zu den Sängerinnen und Sängern siehe dort), machte auf mich an diesem Abend im Vergleich zu „Hybris“ aber einen frischeren Eindruck. Es scheint mir auch, als habe der Komponist dieses dritten Teils bekömmlichere Gesangslinien komponiert. Anna Clare Hauff als schwangere und gebärende Maria war von kreatürlicher Intensität und sang und stöhnte sich die Seele aus dem Leib, Nicholas Spanos steuerte mit seinem Countertenor einen zärtlich-besorgten Josef bei. Josef blieb gegenüber der Oberschwester viel zu zahm – was die Wartefrist bis zur Behandlung seiner Frau fast auf Opernlänge (knapp eineinhalb Stunden) ausgedehnt hat. Mit karrierebewusstem Sopran besang Dr. Bandura (Romana Amerling) das Glioblastom. Clemens Kölbl leistete als Taxifahrer Hebammendienste. Am Pult des mit viel Energie zu Werke gehenden Orchesters stand wieder Francois-Pierre Descamps.
Das Bühnenbild zeigte eine ähnliche Spitalsumgebung wie im ersten Teil. Der aus einer weißen Schaumgummirolle gebildete Computertomograph, der dann eifrig gerüttelt wurde, war herrlicher Techno-Trash wie aus einer alten Raumschiff-Enterprise-Folge in die Kammoper gebeamt.
Die Aufführung war mäßig besucht, die Kammeroper etwa zur Hälfte gefüllt. Das Publikum dankte mit länger anhaltendem Applaus.
Fazit: Eine schwungvolle und bissige Medikation. Am 28., 29. und 30. November wird noch einmal je ein Teil gespielt.

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