26.11.2018 , Wiener Zeitung, Christoph Irrgeher

Irrfahrer, ahoi! Die Jungfernfahrt der Oper "Das Totenschiff"

Seit Volksliedern wie "Wir lagen vor Madagaskar" weiß man: Das Matrosenleben ist kein Zuckerschlecken. Wie es in der Zwischenkriegszeit aussah, hat sich der Pseudonymautor B. Traven 1926 in seinem Roman "Das Totenschiff" ausgemalt. Der Seemann Gale kommt da vom Regen in die Traufe: Erst tuckert ihm das Schiff - mit seinen Papieren im Spind - davon, dann wird er als Flüchtling zwischen den Ländern hin- und hergeschoben. Die Rückkehr zur hohen See gelingt zwar, doch im tiefsten Milieu. Gale muss Knochenarbeit für einen Waffenschieber verrichten, dann beheizt er einen Kahn, der zwecks Versicherungsprämie auf Grund läuft.
Am Samstag hat diese Odyssee ihre Jungfernfahrt als Oper erlebt: Die Musik kommt vom Jazzpianisten und Tonsetzer Oskar Aichinger, das Libretto von Kristine Tornquist, die das Stück mit ihrer Gruppe sirene Operntheater (und mit dem Festival Wien Modern) herausbrachte. Erfreulich: Die Musik schaukelt subtil zwischen Jazz und Moderne, baut auf eingängigen Grooves auf und schichtet darüber einen Orchestersatz, der Dur und Moll schätzt, aber auch gern geräuschhaft zerflockt. Fast jede Nummer ist gut, manche noch besser.
Zuletzt berechtigter Jubel für die glühenden Töne von Gernot Heinrich als Gale und Staunen über den Veranstaltungsort, einen pittoresk verfallenen Hernalser Ballsaal namens "Reaktor", der Buffetbrötchen zum Sensationspreis von 1,50 Euro verkauft.

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